|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
"Der Schleier der Muslima"
Interview am 20.10.2003 mit Zarka Uhlmann, Studentin der Rechtswissenschaften, und Khola Hübsch, Studentin der Publizistik, Psychologie und Germanistik. Anläßlich der Diskussion um das Tragen des im Islam für Frauen üblichen Kopftuchs in der Schule befragt dieses Interview zwei Musliminnen über ihre Motive, das Kopftuch zu tragen. Die Einseitigkeit der öffentlichen Diskussion, bei der die Angst vor dem Fremden die Wahrnehmung zu bestimmen scheint, fordert diese Befragung geradezu heraus. Deshalb ist das Ziel dieses Interviews, die Situation aus der Sicht der Musliminnen selbst darzustellen, ihre Gefühle und Gedanken dazu zu erfahren, sowie ihr Verständnis des Islam wie auch ihre Sicht auf die westlichen Kultur zu diskutieren. Auf der politischen Ebene wurde im Jahre 2003 die Frage des Kopftuchs hitzig diskutiert. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat sich im Schleier-Urteil schließlich dafür entschieden, die Beurteilung über den Umgang mit dem Kopftuch bzw. dem Schleier den einzelnen Bundesländern zu überlassen. Danach können die Bundesländer nun ein Gesetz verabschieden, nachdem eine Frau mit Kopftuch nicht als Lehrerin in öffentlichen Schulen unterrichten darf. Bisher hat erst Hessen ein konkretes Gesetz angekündigt. In einem Bundesland, in dem kein entsprechendes Gesetz verabschiedet wird, kann also eine Muslimin mit Kopftuch unterrichten. Ende 2003 erließ überdies Frankreich ein Gesetz, nach dem das Tragen des Kopftuchs in der Schule für Schülerinnen wie für Lehrerinnen verboten ist. Die beiden interviewten Frauen gehören einer muslimischen Reformgemeinde an, der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde, die in manchen islamistischen Ländern wie Pakistan verfolgt wird. Die Frau wird nach ihrem Äußeren, ihren Maßen beurteilt Steinzeitliche Mechanismen versus geistige Entwicklung Mode und Konventionalität Das Äußere hat Einfluss auf das Innere Vernunft gemäßes Handeln im Islam Zwanghaftes System oder Gewinnung von Freiheit Kognitive Dissonanz der Menschen heutzutage Tendenz zur Verrohung und Abstumpfung Persönliche Erfahrungen mit dem Schleier Die Barmherzigkeit im Islam Umgang mit Andersdenkenden Islam - Eine missverstandene Religion RE: Ihr tragt das Kopftuch immer, wenn ihr euch in der Öffentlichkeit bewegt. Findet ihr nicht, dass ihr damit angesichts der Kleidungsgewohnheiten im Westen ziemliche Außenseiter seid? KH: Ich merke bei meinen Freunden und Bekannten in meinem Alter, dass man sehr darauf achten muss, was man anzieht und wie man ankommt. Im Sommer sieht das allerdings aus wie eine Einheitsuniform. Die Mädchen haben alle Spagettiträger. Wer mit T-Shirt ankommt, ist out und wird komisch angeschaut. Alle haben kurze Sachen an. Man muss seine Beine zeigen. Die Jungs hingegen, die ja mit der gleichen sommerlichen Temperatur auskommen müssen, haben alle T-Shirts und lange Hosen an. Ein Mädchen, das dazugehören und akzeptiert werden will, ist gezwungen, viel Haut zu zeigen. Wenn sie dann nicht die entsprechende Figur hat, steht sie schon schlechter da. Man wird auf sein Frausein fixiert angeschaut und von den Jungs auch degradiert. Die Frau wird nach ihrem Äußeren, ihren Maßen beurteilt. ZU: Was mich immer schon gestört hat, waren die Augen des Mannes. Frauen unter sich betrachten die andere Frau auch aus der Sicht des Mannes. Je besser sie bei den Männern ankommt, um so beliebter ist sie auch unter Frauen. Man schaut zu ihnen auf, weil sie das Ideal wiedergeben. Von klein auf fand ich das schon schade. Die Mädchen, die am coolsten waren, waren bei den Jungs am beliebtesten. Aber komischerweise waren sie auch bei uns Mädchen am beliebtesten. Jede wollte, dass sie zur Party kommt. Jede wollte in der Pause viel Zeit mit ihr verbringen. RE: Das ist natürlich umgekehrt genauso bei dem Männer. Bloß ist es hier nicht der Körper, sondern die Macht oder der Reichtum. Man braucht als Mann ein großes, eindrucksvolles Auto, oder als Junge das größte Moped, um bei den Frauen gut anzukommen. Es handelt sich hier um atavistische Instinkte. Der Mann, der in der Steinzeit das größte Wild erlegt hat, war bei den Frauen am angesehnsten, weil er garantieren konnte, dass die Nachkommenschaft versorgt ist. Die Frau mit den besten Hüften war bei den Männern am angesehensten, weil sie gut gebären konnte. Heute haben wir diese frühen Instinkte in abstrahierter Form, indem bei dem Frauen immer noch der Körper und bei den Männern der Status die größte Aufmerksamkeit bekommt. KH: Evolultionsbiolgoisch gesehen waren das einmal sinnvolle Instinkte, aber genau wie der Mensch sich körperlich entwickelt hat, muss er auch eine geistige Entwicklung gehen. Eine Motte, die in der hoch-technisierten Welt ihrem Instinkt nach Licht folgt, verbrennt in der nächsten Lampe. Unser evolutionsbiologisch sinnvoller Hang zu fettem Essen, führt heute dazu, zu den Zivilisationskrankheiten. Zivilisation heißt ja, sich von steinzeitlichen Mechanismen zu trennen, die Freiheit der Wahl zu haben und nicht die Triebe allein als Motivation zu besitzen. Der Vorzug von moralischen Werten gegenüber den materialistischen Werten ist zum Beispiel ein Aspekt davon. Die Entwicklung liegt also darin, seine Triebe kontrollieren zu lernen, um höhere Stufen des Bewusstseins und der Spiritualität zu erreichen. Wenn man aber sein Bewusstsein auf die inneren Werte lenken will, muss man das auch im Verhalten zum Ausdruck bringen. RE: Du sagtest, es sei eine Mode oder Konventionalität, dass jeder eine bestimmte Kleidung trägt, mithin eine Art Zwangssituation. Das ist in der profanen, säkularisierten Mode so, aber das gleiche findet sich doch auch in der Religion. Wenn dort jemand nicht die bestimmte Kleidung trägt, z.B. kein Kopftuch, dann gehört er oder sie nicht dazu. Wie geht ihr damit um? Gesteht ihr es anderen Menschen zu, anders gekleidet zu sein. KH: Das ist ein wichtiger Punkt. Jemand, der gläubig ist, sollte doch auch die Demut haben, dass er es akzeptiert, wenn jemand anders sich anders entscheidet. Man muss diese Toleranz haben. Einen Druck auszuüben bringt nichts. Was bringt es, wenn jemand aus Konvention heraus den Glauben lebt? Wir sehen in der so genannten islamischen Welt, wohin das führt. Das hat zur Folge, dass man nicht überzeugt ist und nicht weiß, warum man das tut. Wir sehen viele muslimische Mädchen, die in einer Art schizophrenem Zustand leben. Sie haben zwar ein Kopftuch an, aber hautenge Kleidung und flirten mit den Jungs. Das ist Äußerlichkeit, Konvention oder Zwang. Sie sind nicht überzeugt. Ich möchte so etwas keinem anderen aufzwingen. Das ist sinnlos und bringt niemandem etwas. RE: Wenn, dann müssen wir also fragen, warum ihr persönlich das Kopftuch tragt. Es geht nicht um die äußerliche Ebene, sondern darum, was ihr davon habt. KH: Jallaludin Rumi hat gesagt:
Trink, was in dem Glas ist. Das bedeutet, die Form ist zwar nötig,
aber das Wichtige ist der Inhalt. Trinke, was in dem Glas ist, aber
konzentriere dich nicht so sehr auf die Form. Gleichwohl geht es nicht
ohne die Form, das ist tückisch. Was von Außen einwirkt und
wie man sich kleidet, hat auch einen Einfluss auf das Innere. So, wie
ich mich anziehe, so fühle ich mich auch. Wenn ich dann anfange,
mich sexy zu kleiden, oder generell mich nicht zu bedecken und meine
Reize offen herumzutragen, dann hat das auch einen Einfluss auf mein
Inneres. Ich will dann auch so gesehen werden, und ich errege dann auch
die Aufmerksamkeit derjenigen Leute, die darauf ansprechen. Wenn ich
mich anders kleide, zum Beispiel mit dem Schleier, dann hat das auf
mein Inneres einen Einfluss. Es macht mich demütiger. Es erinnert
mich an Allah, denn ich mache es auch, um ihm zu gefallen. Es macht
mich bescheidener. Ich werde von keinem Jungen auf eine bestimmte Art
angeschaut. Eine Atmosphäre, die Flirts begünstigen würde,
entsteht erst gar nicht.Die Verführung ist da, um es mir leichter
zu machen, kleide ich mich so, dass ich mir selbst eine Art Schutz schaffe
– das dauerhafte Glück ist nun mal von einer anderen intensiveren
Qualität, als diese kurzen Kicks. Die Kicks dagegen blockieren
das langfristige Glück sogar. ZU: Das ist die demütige
Haltung, dass ich mir sage, ich bin nicht so weit. Vielleicht sind die
„emanzipierten“ Frauen in der westlichen Welt geistig schon
so weit, dass sie sagen können, es macht sie gar nichts mehr an,
egal, was sie oder die anderen anhaben und wie sie angeschaut werden.
Ich glaube es jedoch nicht, denn die Tatsachen sprechen eine andere
Sprache. Woher kommen die ganzen Frauen für die Seitensprünge?
Hinterher fühlt man sich schlecht oder merkt, es hat nichts gebracht.
RE: Du sagtest gerade, dem Islam werde vorgeworfen, dass er so reglementiert sei. In der Tat sehen viele Menschen im Westen den Islam als ein zwanghaftes und unfreies System, dass die Menschen in einer strengen und altmodischen Moral fesselt, wohingegen der Westen das Land der Freiheit und Freizügigkeit ist. Das Kopftuch erscheint dem Westler hierbei als ein Instrument der Unterdrückung und Normierung. ZU: Auch die westliche Kultur stellt ein zwanghaftes System dar. Man kann in jede Schule gehen und die Teenies anschauen. Jetzt kommen ja die Lehrer und Schulleiter selbst darauf, an die Eltern zu appellieren, bei ihren Töchtern (das schöne Geschlecht!) auf einigermaßen bedeckte Kleidung zu achten, weil es nicht nur die Mitschüler, sondern auch die Lehrer ablenke. An diesem Bedürfnis nach anständigem und keuschem Auftreten sehe ich, wie sehr die islamische Lehre der Natur des Menschen entspricht. Nachdem man so viele negative Aussagen über den Islam hören muss, ist es schon eine Freude, auch die Wahrheit und Schönheit der Lehren festzustellen. Diese Ablenkung ist ja genau der Kern der Lehre, diese sexuelle Überreizung und Erotik an jeder Straßenecke lenkt den Menschen vom Wesentlichen ab. Ich finde es lächerlich, wenn dann ganz ironisch in der Zeitung steht, dass Heidi Klum auf der neuen Bademode-Plakatwerbung die Autofahrer ablenke und Unfälle provoziere. Ist das der vernünftige und mündige Mensch? Ist das das Ergebnis unseres Zeitalters der Aufklärung, oder sind wir schon längst wieder auf dem Weg dahin zurück, wo unsere Instinkte und menschlichen Veranlagungen von den Medien dermaßen ausgenutzt werden, dass wir wieder zur Objekt degradieren und uns zum Mittel des Konsumverbrauchs, zwecks Gewinnerzielung, machen lassen? KH: Für mich bedeutet der Islam in diesem Sinne ein großes Stück an Freiheit. Gerade was diese sexuelle Überreizung in der Öffentlichkeit angeht: Ich bin nicht bereit, Sklave meiner Triebe zu sein. Ich will, dass mein Geist stärker ist als der Körper, und ich möchte mich nicht ständig von diesen Reizen ablenken lassen. In einer Gesellschaft, wo an jeder Ecke erotische Reize auf einen niederprasseln, entsteht eine Atmosphäre voller Spannungen und man wird ständig unter Druck gesetzt und berieselt. Man folgt seinem Trieb und ist immer wieder irgendwo anders mit seinen Gedanken. Deshalb ist diese Lehre, dass Männer die Blicke zu Boden schlagen und Frauen sich verschleiern sollen, ein Stück Freiheit für mich. Ich lerne, mich auf mein Inneres zu konzentrieren, an Gott zu denken, bewusst zu leben und mich nicht durch zweitrangiges blenden zu lassen. RE: Darf ich Euch jetzt anschauen gemäß dieser Lehre? KH: Diese Empfehlungen betreffen das Flirten, nicht ein wissenschaftliches Gespräch. Man sollte intensiven Blickkontakt vermeiden. Es gibt Männer, die ziehen Frauen mit ihren Blicken aus. Das ist damit gemeint. ZU: Ich finde, der Schleier ist ein missverstandenes Phänomen. Die Folgen der Überreizung und dieser Einstellung zum anderen Geschlecht kann man rundherum beobachten. Wenn ich sehe, dass heute jede zweite Ehe geschieden wird, oder mich frage, wieviele Beziehungen halten, nämlich fast keine, dann ist das eine sehr schlechte Bilanz für die westlichen Freizügigkeit. KH: Ich beobachte eine kognitive Dissonanz in den Menschen (widersprüchliche Wissensinhalte). Die Menschen verspüren einerseits ein Bedürfnis nach Treue und träumen davon, ein Leben lang mit einem Partner zusammen zu sein. Dieses Ideal existiert nach wie vor und wird auch unter Jugendlichen heutzutage wieder hoch gehalten. Andererseits gibt es immer mehr Seitensprünge, was in den Medien paradoxerweise auch noch verherrlicht wird. ZU: Man findet das Ideal so schön, aber
die Überreizung führt zur Stärkung des Fleisches, so
dass der Geist weichen muss. Es ist eine zu hohe Erwartung, die an den
Menschen gestellt wird, wenn man sagt: Iss den ganzen Tag lang, nimm
aber nicht zu? Hier ist eine gewisse Diskrepanz. Das kann biologisch
nicht gut gehen. Dies kann auch auf die Sexualität übertragen
werden. KH: Um nochmal zum Kopftuch zurückkommen. Oberflächlich gesehen ist das Kopftuch vielleicht eine Einschränkung der persönlichen Freiheit, aber in Wirklichkeit ein sehr großer Gewinn an wirklicher Freiheit, an innerer Freiheit. Ich denke, eine Beziehung kann erst wachsen durch Treue, durch langfristige Verbindung, in der man miteinander lebt und die Liebe anfängt zu lernen. Diese kurzen Beziehungen, wo man dann immer an einem bestimmten Punkt scheitert, leisten das nicht. Eine wahre Liebesbeziehung muss auch Krisen überstehen können und nicht einfach nur ein kleines Strohfeuer darstellen, sondern auch dann weiterbrennen, wenn ein Wind kommt. Es muss schon was Langfristiges sein, damit man sich auch als Mensch entwickeln kann. Auch für meine eigene persönliche Entwicklung merke ich, dass es wichtig ist, immer wieder die gleiche Person zu haben, an der ich mich reibe und mit der ich mich weiterentwickle. Wenn ich dann sehe, dass hier so viele Beziehungen kaputt gehen, dann frage ich mich, wie entwickeln sich die Menschen denn sozial und persönlich überhaupt? ZU: Jedes Mal, wenn ich etwas Neues erfahre,
überprüfe ich den Islam und seine Lehren. Ich danke Gott dafür,
immer wieder so starke Argumente für den Islam, für die Lehren
zu bekommen, dass ich jedes Mal selbst erstaunt bin. Aus freien Stücken
sage ich dann, das ist die Lehre, der ich folgen möchte. KH: Ich beobachte eine Tendenz zur Verrohung und Abstumpfung. Dadurch, dass man ständig diesen Reizen ausgesetzt ist, müssen immer stärkere Reize kommen, damit etwas als befriedigend empfunden wird - manche Menschen flüchten dann ins Perverse. In dem Internet-Magazin Telepolis habe ich Zahlen gelesen, die mich echt schockiert haben. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Porno-Seiten im Internet um 1800 % gestiegen. Ein Drittel aller Internetnutzer schaut sich nur Pornoseiten an. Man ist so abgestumpft, dass das Normale nicht mehr reicht und man ins Extreme flüchtet. Der Islam steht mit diesem Schleiergebot für eine Sensibilisierung der Reize. Man wird feinfühlig und nimmt bewusster wahr. Man wird nicht so abgestumpft und braucht nicht immer stärkere Kicks. Immer öfter hören wir nun auch von Kinderpornografie und -missbrauch. Das sind die Tendenzen, die sich auftun, wenn eine Gesellschaft verroht. Das hat auch Sigmund Freud gesagt: Der Verlust der Scham ist der Beginn der Barbarei. Um dem Einhalt zu gebieten, braucht man Lösungsmöglichkeiten, die der Natur des Menschen auch entsprechen. RE: Wie ist denn Eure persönliche Erfahrung mit dem Schleier? KH: Meine Erfahrung im Alltag ist, dass ich stärker respektiert werde. Das fängt schon in der Schule an. Ganz banal: Die anderen Mädchen werden primär nach ihrem Äußeren beurteilt, ihnen werden die Röcke hochgezogen etc. Wenn ich aber ein Kopftuch aufhabe, dann passiert das nicht. Es gibt eine gewisse würdige Distanz und Respekt. Ich werde nicht angemacht – weil ich mit dem Kopftuch signalisiere, dass ich es nicht will. Man wird also stärker als Persönlichkeit respektiert, aber man wird natürlich auch diskriminiert. Am Anfang meines Studiums wurde ich schon blöd angesehen. Was will die eigentlich hier? Die ist doch rückständig und altmodisch. Eine negative Distanz ist schon da. Das gibt sich mit der Zeit, wenn die Leute einen näher kennenlernen. ZU: Ich musste leider immer wieder feststellen, dass ich selber auf andere zugehen muss. Es gibt eine Scheu und Hemmungen, auf uns zuzugehen. RE: Du hast es ja gerade angesprochen: die Distanz. Was ist denn, wenn ihr mal keine Distanz haben wollt, sondern jemand kennenlernen oder euch mit Leuten anfreunden wollt? ZU: Dann gehen wir auf diese zu. Wenn man dann merkt, oh, sie kann ja fließend Deutsch, und scheint auch sonst normal zu ticken, geht es schon. KH: Es gibt ja auch offene Menschen. Es ist eine Typsache. Manche Menschen kommen auf mich zu, die sind ganz locker und haben kein Problem damit. Dann gibt es wieder andere, die sind sehr zurückhaltend, konservativ oder denken eher eingeschränkt. Auch bei vielen Jugendlichen begegnen mir da Vorurteile. RE: Du hattest im Vorgespräch gesagt, dass du dich mit Kopftuch mehr als Mensch fühlst. Kannst du das nochmal genauer ausführen? ZU: Man nimmt sich die Freiheit anders zu sein. Man fühlt sich der Gesellschaft nicht untergeordnet und kann dem Gruppenzwang entgehen. Der Mittelpunkt des Lebens kann auf andere Sachen gelegt werden. Man wird zwar zum Außenseiter, aber man lernt mit dem Anderssein umzugehen. Und genau das macht einem so bewusst zu einem Menschen, zu einem Individuum, denn jeder Mensch ist einzigartig – man muss sich nur auf dem Weg begeben sich zu finden. RE: Es ist eines der psychologischen Symptome in der Religion, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man die Gebote nicht einhält. Das kann zu zwanghaftem Verhalten führen. Man klammert sich neurotisch an der Reinheit fest, die dann im Dunkeln als Schatten wieder rauskommt als Gewalttätigkeit, Dogmatismus usw. Wie geht ihr mit so etwas um? KH: Es gibt ein Wort für Teufel im Koran: Iblis. Das bedeutet wörtlich: Jemand, der die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes verliert. Wenn ich keine Hoffnung mehr habe, verliere ich Gott. Wenn ich gefallen bin, habe ich großes Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes, dass er vergibt und wahre Reue annimmt. Reue gehört dazu, um sich weiter zu entwickeln. Man wird immer wieder fallen, aber dadurch, dass man immer wieder aufsteht, lernt man das Gehen und das Rennen und wird schneller. Fehler gehören dazu, aber dieser Glaube an den Liebreichen, den Vergebungsreichen, an Allah, der immer wieder vergibt und uns aufhebt, stärkt uns, damit wir nicht verzweifeln und denken, wir schaffen es sowieso nicht. Man muss kleine Schritte gehen. Die spirituelle Welt kennt nur eine stetige Evolution, nicht etwas, was an einem Tag passiert. RE: Würdet Ihr sagen, dass der Islam in dieser Hinsicht mild und barmherzig ist? KH: Jede Sure im Koran fängt damit an: Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen. In den Medien kommt dann immer rüber: der Islam, die strafende Religion mit dem gewaltsamen Gott. Alles Schwachsinn. Es gibt so viele Verse im Koran, die besagen, dass Allah der Liebreiche, der Vergebungsreiche ist. ZU: Um nochmals auf das schlechte Gewissen zurückzukommen. Ich finde es gar nicht unberechtigt, was du gesagt hast, Ronald. Deshlab muss man auch für das schlechte Gewissen einen bewussten Umgang finden, und nur Gott gegenüber und nicht anderen Menschen gegenüber sein Verhalten rechtfertigen müssen – dies könnte u.U. zur Machtmissbrauch führen. Der positive Aspekt eines Gewissens kann also weiterhin bestehen. Man steht also vor Gott und muss sich für seine Taten verantworten. Alles kann betrogen werden, nur der Glaube an die Allgegenwärtigkeit Gottes, lässt kein großes Spielraum für Ausreden. Das ist eine Selbstkritik, zu der man letzten Endes finden sollte. KH: Es wird einem bewusst, wie man eigentlich mit seinen Mitmenschen umgeht. Man vergisst das im Alltag, man überlegt nicht groß, und es passiert halt immer wieder. Im dem Moment, wo ich aber Reue und Mitgefühl entwickle, selbstkritische Introspektion betreibe, ist das der erste Schritt zur Änderung. ZU: Ich finde es erstaunlich, wenn man sich
tiefer in die Gebote hineinbegibt und merkt, was für ein Grad an
Psychologie dahinter steckt. Wir hatten jetzt das Schleiergebot ausführlich
in seiner psychologischen Dimension behandelt. Aber auch der Aspekt
des gemeinschaftlichen Gebets in der Moschee birgt eine faszinierende
psychologische Subtilität. Da steht der Fabrikbesitzer neben dem
Pförtner, der ihm jeden Morgen die Tür aufhält. Aber
vor Gott sind alle gleich. Hier zählt nur, was du im Herzen. Das
regelmäßige Gebet hebt die Demut, was sich auch in dem gemeinsamen
Verbeugungen ausdrückt. Alle stehen in einer Reihe. Wenn jemand
hungert, dann wird man ihm das ansehen. Und einer, der wahrhaftig in
die Moschee geht, weil er Gottesnähe durch Dienst an die Menschheit
sucht, und in der Welt etwas Gutes tun will, wird nicht an diesem Bettler
vorbei gehen. Alles wird durchmischt und aufgerüttelt. Eigentlich
sind wir alle Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Deshalb finde
ich es so schade, wenn man die Philosophie der Lehren wegnimmt. Denn
ohne diese Gedanken ist das alles nur ein Affentanz, ein Nachmachen
hergebrachter Rituale und nichts mehr. RE: Wie geht ihr mit Andersdenkenden um? Wenn zum Beispiel jemand sagt, nein, ich bete nicht fünf mal am Tag. KH: Wenn es meine Schwester oder mein Mann
wären, würde ich schon darüber reden, was der Grund ist.
Aber ich würde bestimmt nicht mit dem Stock hinter fremden Menschen
herrennen und sie ins Gebetshaus jagen. ZU: Das darf man jetzt nicht falsch verstehen. Es geht hier um echtes Unrecht, z.B. wenn ich eingreife, weil jemand von einem Stärkeren bedroht wird. Wenn man sich also gegen den Tyrann wendet. KH: Im Koran gibt es mehrer Verse dazu. Ein Vers besagt zum Beispiel wörtlich: „Es darf kein Zwang sein im Glauben“. [2:257] Wenn Allah gewollt hätte, dass alle gläubig sind, dann hätte er schon dafür gesorgt. Deshalb soll sich der gläubige Mensch nicht anmaßen, dass er dafür zu sorgen hätte. Einen Vollkommenheitsanspruch oder Absolutheitsanspruch gibt es im Islam überhaupt nicht. Es gibt mehrere Verse [z.B. 2:63 ] im Koran, die besagen, dass auch Juden, Christen, gläubige Menschen und solche, die gute Taten tun, ins Paradies kommen können. Wir halten den Islam für die aktuellste Landkarte. Wir bestreiten aber nicht, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, zu Gott zu kommen – auch wenn diese, unserer Meinung nach, nicht eine ganzheitliche Lehre besitzen. ZU: Im Islam erlangt man mit zwölf Jahren die Religionsfreiheit. Nach der Auffassung der Ahmadiyya soll sich das Kind selbst für den Glauben entscheiden, nachdem es eine gewisse Reife erlangt hat. Das Kind kann sich dann natürlich auch gegen den Glauben entscheiden. KH: In manchen islamistischen Kreisen heißt es ja dann, auf den Abfall vom Glauben steht die Todesstrafe. Im Koran gibt es eine Stelle, wo es darum geht, dass jemand vom Glauben abgefallen ist, ihn aber auch wieder annehmen kann. Von daher kann es keine Todesstrafe auf den Abfall vom Glauben geben, siehe etwa den Fall um Salman Rushdie. Die Leute lesen den Koran nicht. (Heiliger Koran 3:87-90) RE: Es gibt viele Missverständnisse, und das ist auch die große Sorge der westlichen Welt, dass im Namen von Heilslehren oder Reinheitskonzepten Druck ausgeübt wird, vom psychischen Druck, der die Menschen in Neurosen zwingt, bis hin zur Gewalt. KH: In den so genannten islamischen Ländern
gibt es ein großes Problem, das ist das niedrige Bildungsniveau.
Der Analphabetismus ist hoch, und da fehlt dann auch die Aufklärung
und das Wissen. Religiöse Führer können auf diese Weise
sehr leicht Sachen behaupten, die so gar nicht im Koran stehen. Wenn
aber Aufklärung da wäre, wenn sich die Menschen selbst auch
kritisch mit diesem Buch auseinandersetzen würden, wenn auch erlaubt
wäre, über den Koran zu diskutieren und ihn zu interpretieren,
dann würde es diese Schwierigkeiten nicht geben. Aufklärung
und Wissen, wie zur Zeit der frühen Muslime, sowie der wissenschaftlichen
Blüte im Orient sind also ganz wichtig. Die Menschen hier im Westen
haben Angst vor dieser Religion, weil sie sie nicht kennen. |
|||||||