Zum Artikel "Ich habe mich geirrt" vom 26. September
2003 im Tagesspiegel
Kopftuchtragen - Ein freiwilliger Akt
Caroline Fetscher’s Bekenntnis zum deutschen Kopftuchstreit "Ich
habe mich geirrt" vom 26.9. beginnt mit der Vorstellung, dass "kein
Mädchen der Erde aus freien Stücken ein Stück Stoff um
den Kopf wickeln" würde. Indes ist das offensichtlich eine
sehr eurozentrische Sicht. In der Tat ist es für viele muslimische
Mädchen eine Selbstverständlichkeit, ab einem gewissen Alter
ein Kopftuch zu tragen. Ich habe fünf Töchter. Alle haben
freiwillig und ohne Einflußnahme meinerseits oder Druck seitens
ihrer Mutter begonnen, sich die Haare zu bedecken. Sie haben den Grund
dafür mit dem ausdrücklichem Hinweis, dass es seitens des
Elternhauses oder der Gemeinde keine Indoktrination gab, oftmals geschildert,
und auch in Aufsätzen, z.B. für die von deutschen Musliminnen
der Ahmadiyya Muslim Jamaat herausgegebenen Zeitschrift "Nuur -
für Frauen", dargelegt. Ich habe nach der Lektüre des
Tagesspiegel-Artikels explizit meine jüngste Tochter, sie ist jetzt
11, gefragt, ob sie, wenn sie außer Haus geht, das Kopftuch deswegen
anlegt, weil ihre Mutter oder ich einmal etwas dementsprechendes geäußert
hätten. Sie antwortete klipp und klar mit "nein".
Religiöser Friede - Kein Wunschdenken, sondern Tatsache
Das Kopftuch ist für eine Muslima Zeichen ihrer Würde, ihrer
Frömmigkeit. Das gilt auch für kleine Mädchen, die Freude
am Gebet und am Koran-Lesen fürwahr haben. Das ist keine rührselige
Behauptung, sondern Tatsache. Für jemanden, der nicht im Islam
großgeworden ist, ist es wirklich schwer nachvollziehbar, was
Allah und der Prophet Mohammed (Segen und Frieden Allahs seien auf ihm)
Muslimen, jung wie alt, bedeuten. Religiöse Handlungen sind für
Muslime, die ihren Glauben ernst nehmen und vom Herzen her praktizieren,
eine Quelle des Trostes und des Glücks. Dennoch sind sie nicht
weltfremd. Aber eben nicht gebunden an die Welt des Äußeren.
Ihre Erfahrungen bestätigen, dass weder religiöse Pflichten,
noch Gebote oder Verbote hinderlich sind auf dem Wege, mündige
und vernunftgemäß handelnde Menschen zu werden. Im Gegenteil,
sie sind ein Ansporn. Zumal, weil ihre Erfahrungen zeigen, dass ihre
Glaubenspraxis nicht in Wunschdenken mündet, sondern konkrete Wirkung
zeitigt, da sie Antwort erhalten auf ihre Gebete und ihr islamisches
Verhalten. Das unterscheidet sie von UFO-Anhängern und Beschwörern
von Heilkräften, die im Sinne einer self-fulfilling-prophecy gespürt
werden. Soweit zum rein religiösen Bereich.
Das Neutralitätsgebot - Nicht auf Äußerlichkeiten
festzumachen
Was das Neutralitätsgebot des Staates betrifft, so bezieht es sich
wohl eher auf das, was in der Schule gelehrt wird, denn auf das Outfit
der Lehrkräfte. Jede Lehrerin, jeder Lehrer manifestiert durch
seine Bekleidung auch eine gewisse innere Einstellung. Wo wollen Sie
denn da die Grenze ziehen? Wollen Sie Schuluniformen für Lehrer
und Lehrerinnen einführen? Zudem: über kurz oder lang wird
es den Schülern sowieso ersichtlich, zu welcher Weltanschauung,
welchem Glauben sich jemand bekennt. Das läßt sich gar nicht
vermeiden. Solange der Lehrstoff neutral vermittelt wird, ist das aber
nicht so wichtig. Wohin Gesinnungsschnüffelei geführt hat,
zeigt die Geschichte der Berufsverbote. Meinen Sie denn, wenn ein Muslim
oder eine Muslima an eine Schule angestellt werden, dies bliebe den
Schülern verborgen? Nein, genauso wenig wie der Umstand, dass jemand
rechts oder links oder Christ oder Buddhist oder sonstwas ist.
Vogel-Strauß-Politik in einer multireligiösen Gesellschaft
Der Kopftuchstreit zielt letztlich auf etwas anderes: man möchte
in bestimmten Kreisen weder wahrnehmen, dass wir in Deutschland eine
multireligiöse Gesellschaft de facto haben, noch gar sich auf das
damit verbundene Toleranzdenken- und Handeln einlassen. Im Grunde ist
es eine Vogel-Strauß-Politik, die hier praktiziert wird, seitens
derjenigen, die einfach nicht sehen wollen, dass andere Menschen aus
gewiß sittlichen und religiösen Gründen sich anders
kleiden als man selbst. Sowas nenne ich eine mehr oder minder subtile
oder offenkundige Form der Repression. Eine mit Hinweis auf christlich-abendländisches
Erbe verbrämte Traditionsnostalgie, die sich nicht der Realität
stellen will und weit davon entfernt ist, das christliche Ideal der
Nächstenliebe, geschweige denn Feindesliebe, zu praktizieren.
Mit freundlichem Gruß