Kommentar zum islamfeindlichen Artikel in "Die Welt"
Muslime "in unserer Mitte"
Was nun Ihren Leitartikel betrifft, so wundert mich zunächst die
sehr einseitig auf den Islam generell bezogene Sicht. So, als ginge
Gefahr für unsere Demokratie sozusagen ausschließlich von
Muslimen aus, so daß wir "verantwortlich zu sein" hätten,
"was Moslems in unserer Mitte tun", wobei dieser Sprachgebrauch
suggeriert, Moslems wären außerhalb "unserer Mitte".
Das ist natürlich nicht der Fall. Von den 3,3 Millionen Muslimen
in Deutschland stehen viele (ohne Prozentzahlen aufführen zu müssen)
in der Mitte ihres, unseres Landes. Sie sind eingebürgert oder
im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis; sie sind Mitglieder
in SPD, CDU, FDP und bei den GRÜNEN. Sie sind redliche Geschäftsleute
oder Arbeiter, Ärzte oder Anwälte. Von daher ist Ihre Befürchtung
wohl zunächst zu verringern auf jene minimale Anzahl von militanten
oder zur Militanz neigenden Menschen, die sich auf den Islam berufen.
Wenn ich das recht erinnere, wird ihre Anzahl vom Deutschen Orientinstitut
bzw. dem Verfassungsschutz auf ca. 1% Prozent der in Deutschland lebenden
Muslime geschätzt.
Muslime als "Gefahrenpotential"
Im Vergleich dazu ist die Zahl der militanten oder zur Gewalt neigenden
bzw. bereiten Rechts- und Linksextremisten wohl höher. Von ihnen
geht seit Jahren eine Bedrohung für unsere Demokratie aus, die
sich in sehr konkreten Gewalttaten deutlich macht. Überdies sollten
wir nicht vergessen, dass es mafiöse Strukturen unter hier lebenden
Italienern, Chinesen, Südamerikanern etc. gibt, die durch ihre
kriminellen Aktionen, etwa im Rauschgifthandel, eine ernste Bedrohung
für unsere Bevölkerung darstellen. Warum also das Gesichtsfeld
so einengen, daß in den Medien vor allem derzeit Muslime als Störenfriede
betrachtet werden? Zumindest Rechtsradikale und Linksradikale stehen
auch heute noch oder wieder im Schuldienst. Sie tragen zwar kein Kopftuch,
sind jedoch sehr wohl in der Lage, das Neutralitätsgebot der Schule
zu verletzen. Wenn Sie nun anführen mögen, das alles sei ja
bekannt, aber zur Debatte stünde nun einmal der Islam, dann entgegne
ich, dass -abgesehen von der Zeit der Berufsverbote - die reelle Gefahr
durch Extremisten für unsere Schulkinder in den Medien kaum Thema
gewesen ist; hinzu kommt der Umstand, dass in der gegenwärtigen
Kopftuchdebatte so getan wird, als sei ein Muslim schlechthin ein Gefahrenpotential
und, wie Sie es formulieren, ein Schulleiter hätte selbstredend
einer Kopftuch-Trägerin "auf die Finger (zu) schauen",
und wenn er das nicht täte, "müsste man ihn entlassen".
Unterschiedliche Auslegungen
Damit tun Sie gerade so, als ob jede Muslimin, die sich an das Göttliche
Gebot hält, sich sittlich zu kleiden, eine Gefahr für unsere
Demokratie wäre! Finden Sie nicht auch, daß das sehr überzogen
ist, um nicht zu sagen fanatisch?
Kontrolle, so geht aus Ihren darauf folgenden Worten hervor, ist allemal
besser als Vertrauen. Sie kennen dieses Zitat aus Lenins Werken. Wer
aber Mißtrauen sät, wird nicht gerade Herzlichkeit ernten.
Vielleicht wäre es also besser, man erkundigte sich seitens jener,
die meinen, die bundesdeutsche Demokratie vor dem Islam schützen
zu müssen, erst einmal, was denn "der Islam" so sagt
?
Wie Sie vielleicht wissen, ist die Grundlage des Islams der Koran und
die Sunna, also die Lebenspraxis des Heiligen Propheten Mohammed (Segen
und Frieden Allahs seien auf ihm). Beides indes kann auf verschiedene
Weise verstanden und ausgelegt werden. In der Tat finden Sie unter den
Muslimen weltweit, wie auch in Deutschland, zahlreiche verschiedene
Gruppierungen, Die meisten von ihnen wollen weder einen Gottesstaat
oder einen Kalifatsstaat, noch eine Regierungsform, die ihnen die im
Koran wie in den Menschenrechten festgelegten Freiheiten verbietet.
Es ist deswegen ziemlich unfair, all diese Gruppierungen in einen Topf
mit jenen zu werfen, für die Gewalt ein Mittel der Politik ist
(im übrigen gibt es auch andere Weltanschauungen und Glaubenskonfessionen,
die Gewalt als Mittel der Politik befürworten, ohne dass deswegen
ihre jeweilige Religion insgesamt verachtet oder als potentielle Gefahr
angesehen würde; hat denn nicht der Diktator von Liberia, Charles
Taylor, wie auch Ihrer Zeitung zu entnehmen war, seine Pressekonferenzen
etc. stets mit äußerst langen christlichen Gesängen
und Gebetslitaneien eingeleitet? Oder bilden die Tamilen auf Sri Lanka
nicht seit Jahren Selbstmordattentäter aus, die weit mehr Menschen
auf dem Gewissen haben, als die Palästinenser? Von anderen Fällen
ganz zu schweigen!).
Indoktrination durch Islam-Gegner
Sie fordern immerhin anschließend, dass "an kritischer Auseinandersetzung
mit dem Handeln und Reden der hier lebenden und tätigen Muslime"
kein Weg vorbei führe. Warum aber führt diese von Ihnen so
vehement geforderte Auseinandersetzung in den von mir zur Kenntnis genommenen
Medien gar nicht statt? Ich lese regelmäßig Tiraden gegen
den Islam an sich, gegen das Kopftuch usw., muß aber sehen, dass
sich zumal die aus christlichem Umfeld stammenden Zeitungen und Zeitschriften
sogar weigern, entsprechende Leserbriefe abzudrucken, von einer Aufforderung,
aus muslimischer Sicht einmal eines der angesprochenen Probleme zu behandeln,
ist zudem sowieso nichts zu vernehmen. Also findet für die meisten
Bewohner unseres Landes eine Indoktrination durch Islam-Gegner statt,
ohne dass sie die Möglichkeit hätten, wahrzunehmen, was die
Betroffenen, also die Muslime, dazu zu sagen haben. Es ist schon sehr
verräterisch, zum Beispiel, welche Leserbriefe abgedruckt werden
und welche nicht. Im Grunde ist das eine Schande für unsere Demokratie,
zumindest aber für die meisten unserer Medien. Das nur nebenbei.
Indes kann und darf die von Ihnen geforderte kritische Auseinandersetzung,
wenn es uns denn um das Wohl der in unserem Lande wohnenden Menschen
geht, nicht länger einseitig bleiben. Sonst ist eine zunehmende
Ghettoisierung durch Ausgrenzung der muslimischen Stimmen vorprogrammiert.
Von Integration könnte dann keine Rede mehr sein, denn Integration
bedeutet nicht Anpassung auf Kosten der eigenen Identität, sondern
das Erreichen eines Zustandes friedlichen Zusammenlebens, ja möglicherweise
eines auf allgemeiner menschlicher Sympathie beruhenden Miteinanders.
In diesem Sinne hat sich unsere Gemeinde immer wieder auf hunderten
von Veranstaltungen, Dialogtreffen in Moscheen und Kirchen und durch
unsere Medien (Zeitschriften, TV) ausgesprochen. Warum das kaum zur
Kenntnis genommen wird, ist ein Rätsel. Es sei denn, wir wollten
annehmen, dass die Grundlage für dieses Verschweigen Unwissen oder
eine konkrete Politik der Ausgrenzung jener vernünftigen Muslime
ist, die einem nicht ins Bild passen. Jüngste Veröffentlichungen
in der deutschen Medienlandschaft lassen aber befürchten, dass
fürwahr kein Interesse daran besteht, vernünftige Muslime
zu Wort kommen zu lassen. Warum das so ist, sollte einmal eingehend
untersucht werden. Kurzum, wenn eine kritische Auseinandersetzung die
andere Seite gar nicht zur Kenntnis nimmt, was ist dann diese Kritik,
wenn nicht Propaganda? Schon die Lateiner wußten: altera pars
audiatur (man möge auch die andere Seite hören). Solange dies
in Deutschland kaum geschieht, bleibt es bei einer Frontstellung.
Ein "Multi-Kulti-Laissez Faire"?
Sie beschuldigen nun in der Folge ein "Multikulti-Laissez-Faire",
Ursache dafür zu sein, dass es "islamistische Terror-Zellen
an deutschen Universitäten" gegeben habe. Nun, Sie verwenden
das Wort "islamistisch", aber ich weiß nicht, ob Sie
es als Abgrenzung vom Islam (und seiner Friedensbotschaft) verwenden,
oder ob es für Sie das selbe bedeutet wie "islamisch".
Da Sie zuvor keinen Unterschied machten zwischen "den Muslimen",
könnte es durchaus sein, dass Sie auch zwischen "Islamismus"
(was definiert dieses Wort eigentlich?) und "Islam" keinen
Unterschied machen. Das aber ist fatal.
Ich denke hingegen, dass nicht eine übergroße Sympathie für
den Islam oder eine Nachlässigkeit in der Wahrnehmung des islamischen
Spektrums seitens der "Multikulti" -Befürworter Ursache
dafür ist, dass unsere Verfassungsschützer von den mutmaßlichen
Terrorzellen erfahren hatten, sondern eine Vogel-Strauß-Politik,
die seit Jahrzehnten die Muslime in ihren Hinterhöfen hat schmoren
lassen, ohne sich um ihre Religion, ihre Kultur und ihre Bedürfnisse
groß zu scheren. Kritik am Islam, zumindest an jener reaktionären
Variante, die sich ihres Verstandes nicht bedient, ist gerade von der
Linken in unserem Lände, also jenen, denen man gerne das Schild
der "Multikulti" -Befürworter umhängt, sehr eindeutig
geübt worden (zum Beispiel von Cohn-Bendit, sowie in zahlreichen
Publikationen des linken Spektrums). Und es ist einfach unwahr, dass
es einer Multikulti-Haltung anzulasten wäre, dass es "islamistische
Terror-Zellen" in Deutschland gegeben hat, da hat wohl eher das
BKA geschlafen.
Dass "Multikulti" auch dafür zuständig gewesen sei,
dass es zu Eheschließungen zwischen ausländischen Musliminnen
und hierzulande lebenden Muslimen gegeben hat, ist Unsinn. Ich nehme
an, Ihnen schwebt hier das dänische Modell vor, dass die Einheirat
auf grausame und abendländisch-christlichem Humanismus zuwiderhandelnder
Weise erschwert. Wenn Sie nun aber sich darüber lustig machen,
daß es einen "Import sprachunkundiger verhüllter Jungfrauen
aus Anatolien zwecks Verheiratung an verstockte türkische Männer"
"zunehmend" gibt, dann halte ich das für eine Sprache,
die alles andere denn im Sinne des Grundsatzes, nachdem die Würde
des Menschen unantastbar ist, formuliert. Wieso ziehen Sie nicht auch
darüber her, dass per Katalog deutsche Männer sich Thailänderinnen
quasi kaufen können? Wieso diese geringschätzige Meinung hinsichtlich
Frauen, die keusch leben? Warum sind Ihrer Meinung nach alle Türken,
die ein Mädchen aus ihrem Heimatland heiraten, verstockt? Ist eine
derartig abfällige Meinungsäußerung ein Beispiel für
die angeblich doch so überragende abendländisch-christliche
Kultur?
Gezielte Diffarmierung des Islam
Und wieso sehen Sie in Muslimen, ob sie nun außer Lande oder innerhalb
Deutschlands eine Kopftuchträgerin heiraten, eine "Gleichgültigkeit"
- und: Gleichgültigkeit gegenüber was? Ich kenne genügend
Deutsche, denen die Muslime nicht nur gleichgültig sind, sondern
die auch mit allen erdenklichen unsauberen Methoden diese Muslime an
der Ausübung ihrer friedlichen Glaubensvorstellungen zu hindern
suchen. Angebliche Christen, die blanken Haß zum Ausdruck bringen,
denen, zum Beispiel, journalistische Sorgfalt nichts bedeutet, die,
obwohl sie die Wahrheit kennen, verleumden und den Koran pervertieren,
indem sie willkürlich Verse aus dem Zusammenhang reißen,
purer Meinungsmache willen. Es ist somit entweder blankes Unwissen,
oder gezielte Diffamierung, wenn der Religion des Islams an sich Aggression,
Unterdrückung der Frau, Demokratiefeindseligkeit etc. vorgeworfen
wird. Sicherlich kann man behaupten, dass es Terroristen gibt, die nach
dem gleichen Muster den Koran etc. mißbrauchen. Aber, wie ich
in einem Interview mit der BILD-Zeitung erklären durfte, ist ein
solcher Mißbrauch, eine solche Pervertierung leicht durchschaubar,
und intelligente Journalisten sollten nicht den Fehler begehen, sich
die Meinung von Mullahs oder Terroristen zu eigen zu machen, wenn doch
ein mit Verstand begabter Mensch leicht anhand einer Quellenlektüre
ausfindig machen kann, dass jene auf dumme Art mit pseudo-religiösen
Formeln Politik machen wollen, aus Machtgier und aus egoistischen Motiven.
Jedoch, wie gesagt, es scheint so, daß herrschende Kreise in unserem
Lande bewußt nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass der Koran
etwas anderes sagt als das, was Terroristen behaupten oder tun. Anstatt
darüber aufzuklären, dass der Islam ausschließlich Verteidigungskriege
erlaubt, oder solche zur Erhaltung der Freiheit, wird ein schwarzer
Mann bzw. eine schwarze Frau an die Wand gemalt, so als ob jeder Muslim
ein potentieller Terrorist ist oder aber zumindest unsere Grundordnung
und unsere Grundwerte untergraben will. Wer von denen, die solches befürchten,
hat sich denn schon einmal mit der islamischen Grundordnung, den islamischen
Grundwerten auseinandergesetzt? Wenn es denn geschah, dann doch zumeist
nicht im Lichte eines Verständnisses dessen, was der Heilige Prophet
Mohammed, Segen und Frieden Allahs seien auf ihm, lehrte, sondern im
Sinne von Vorurteilen oder Nachäffung fragwürdiger Theoretiker,
mit denen sich kritisch auseinander zusetzen bedeuten würde, dass
man sie mit der Interpretation aufgeklärter Muslime konfrontiert.
Die Wichtigkeit einer Aufklärung
Jedenfalls ist von unserer Seite aus nicht zu akzeptieren, dass der
Islam generell in den Ruch gerät, antidemokratisch und antihumanistisch
zu sein. Das ist nicht der Fall. Von daher gesehen ist Ihre Aufforderung,
"dass eine mit jener Verhüllung vermutlich einhergehende Ideologie
an staatlichen Institutionen nichts zu suchen hat", eine Diffamierung
jeder Muslimin, die das Kopftuch in Einhaltung der göttlichen Gebote
trägt, damit sie nicht belästigt wird und erkannt wird (dies
sind die Begründungen, die der Koran in Sure 33 Vers 60 für
das Gebot, sich die Haare zu bedecken, gibt).
Da Sie zu recht schreiben, dass auch eine Lehrerin ohne Kopftuch agitieren
könnte, und ja wohl auch ein muslimischer Mann, wäre es, wenn
denn der Staat auf einer Gesinnungsprüfung bestünde, angebracht,
zu untersuchen, aus welchem islamischen Umfeld ein muslimischer Lehrer
bzw. eine muslimische Lehrerin kommt, so wie dies auch bei Lehramtskandidaten
der Fall sein müßte, die nachzuweisen hätten, dass sie
weltanschaulich neutral sind. Wie das im einzelnen funktionieren könnte,
ist aber die große Frage. Wenn eine Muslimin oder ein Muslim kontrolliert
werden müßten, dann doch bitte auch eine Christin, ein Christ,
eine Atheistin, ein Atheist, usw., denn es ist keineswegs gesagt, dass
die Tatsache, dass jemand kein Muslim ist, ausreicht, um eine Unbedenklichkeitsbescheinigung,
die zum Unterrichten eignete, auszustellen. Denn auch unter Christen,
Atheisten usw. gibt es Fanatiker. Nun wenden Sie sich in Ihrem Leitartikel
auch dem Problem zu, dass wir in Deutschland "Millionen von Menschen,
die einer fremden und noch dazu nicht unproblematischen Religion anhängen"
haben, so als ob es keine problematischen Stellen in der Bibel etc.
gäbe. Ich bin vom Hessischen Kultusministerium in einen Beirat
gewählt worden, der Bausteine einer islamischen Ethik für
den Ethikunterricht ausarbeitet. Wenn Sie sich mit der islamischen Ethik
einmal vertraut machen wollten, dann wäre für Sie, und womöglich
auch Ihre Leser, der Islam auf einmal gar nicht mehr so fremd und problematisch.
Die Angst vor dem Islam rührt meistens von einer zentralen Unwissenheit
her. Aber was am Islam ist denn eigentlich so fremd und so problematisch?
Warum wird hierüber nicht offen diskutiert, unter Einbeziehung
von Muslimen? Warum werden keine Brücken gebaut?
Relevanz des Glaubens kontra freiheitliche Werte
Dass Sie nun ein "Integrationsmodell" fordern, "bei dem
ein Festhalten am Islam mit voller Teilhabe an der deutschen Gesellschaft
kombiniert werden kann, ohne dass aber unsere freiheitlichen Werte in
Gefahr geraten" ist lobenswert. Und es würde nicht schwierig
sein, eine solche Annäherung zu erreichen. Aber es ist ziemlich
hanebüchen, zu denken, es könne "ein Identitätsangebot,
von dem das Religiöse akzeptiert, zugleich aber so überwölbt
wird, dass der Glaube an Relevanz verliert" geben. Der wahre Glaube
der Muslime, also das, was im Koran steht und was der Heilige Prophet
lehrte und lebte, bestimmt die Identität eines jeden, der bezeugt,
daß es nur einen Gott gibt und dass Mohammed (Segen und Frieden
Allahs seien auf ihm) Sein Prophet ist, wodurch zugleich bestätigt
wird, dass Jesus und Moses und Abraham etc. Propheten Gottes (Allahs)
sind. Was, so sei erlaubt zu fragen, ist denn an diesem Glauben konkret
so schlimm, dass er, um friedlich in Deutschland leben zu können,
an Relevanz verlieren müßte? Ich würde dazu gerne Ihre
Meinung hören, bevor ich im einzelnen darauf einginge, was immer
wieder als dem christlichen Abendland abträglich von Gegnern des
Islams angeführt wird. Wenn Sie in quasi ökonomischer Wortwahl
mutmaßen, ein "deutsches Nationalgefühl, eine Zugehörigkeit
zu uns" könne womöglich "größeren Stolz
und stärkere Werte vermitteln" .."als die Religion",
und diese wäre dann "nur noch für das Kerngeschäft
des Glaubens zuständig, nicht aber mehr dafür, die Identität
patriarchalisch-autoritär zu garantieren", dann frage ich
mich wirklich, was Sie eigentlich vom Islam, vom Muslim-Sein, wissen.
Zum einen hat der Prophet des Islams gesagt, daß Heimatliebe (Patriotismus)
Bestandteil des Glaubens ist, und meine Zugehörigkeit zum Islam
verletzt nicht mein Nationalgefühl, indes gibt es weiß Gott
noch weitere Werte im Leben, und sie müßten einmal zur Sprache
gebracht werden. Ich kenne kein Land und keinen anderen Glauben als
den Islam, die stärkere und höhere Werte vermitteln würden,
als das, was Gott dem Siegel der Propheten, Mohammed, Segen und Frieden
Allahs seien auf ihm, offenbarte. Sicherlich liegt es daran, dass so
viel Unsinn über den Islam geschrieben wurde und dass viele Muslime
hierzulande sich nicht artikulieren können, dass Sie die Auffassung
äußern, der Glaube würde an Relevanz verlieren, wenn
denn der Traum einer national bewußten deutschen Wertegesellschaft
wahr werden würde. Ich erlaube mir deswegen, Ihnen zur Lektüre
das Buch "Philosophie der Lehren des Islams" zuzusenden, das
der Gründer unserer Gemeinde, Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, verfaßte.*
Ich hoffe, dass dann, wenn Sie es gelesen haben, die Religion des Islams
in anderem Licht gesehen wird.
Integration statt Assimilation
Es ist jedenfalls ein Irrtunm, vom Koran zu behaupten, er ließe
weder Demokratie, noch Religions- und Gewissensfreiheit, noch die Gleichwertigkeit
von Mann und Frau zu. Es ist leicht, dies nachzuweisen, Es ist auch
leicht, nachzuweisen, dass der Koran gebietet, dass Muslime an ihrem
jeweiligen Aufenthaltsort hinsichtlich der Gesetze des Landes, dessen
Bürger oder Bewohner sie sind, verpflichtet sind, "dessen
Regeln einzuhalten" bzw. "sich in das Land zu integrieren".
Aber Integration heißt nicht Assimilation. Und Liebe zu Deutschland,
wie sie bei vielen, vielen Muslimen zu finden ist (gleich, woher sie
stammen, ob aus Deutschland, Bosnien, Pakistan, Marokko oder der Türkei
etc.), heißt nicht, dass Traditionen zu übernehmen wären,
die dem Wandel der Zeit unterliegen. Noch in den 50er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts hieß ein Werbespruch "Man(n) geht nicht ohne
Hut" und Frauen mit Kopftüchern sah unsereins allenthalben.
Der Kampf gegen das Kopftuch geht, wenn ich das richtig verstehe, in
Wirklichkeit weniger gegen das Kleidungsstück, wenn es auch weithin
aus der Mode gekommen ist, sondern gegen seinen Symbolcharakter, da
es als Ausdruck der islamischen Identität einer Muslimin verstanden
wird. Was aber am Islam so schlecht sein soll, wenn wir uns nicht auf
das berufen, was Fanatiker aus ihm zu machen suchen, ist mir schleierhaft.
Der Zweck des Neutralitätsgebots
Abgesehen davon ist für das Neutralitätsgebot der Schule im
wesentlichen relevant, was gelehrt wird, und wie der Lehrstoff den Schülern
beigebracht wird. Ohne Zweifel kann dies so durch eine Muslimin oder
einen Muslim geschehen, dass die Lehrinhalte nicht indoktrinierend oder
ideologisch verbrämt weitergegeben werden, wenn es sich um Fremdsprachen
oder naturwissenschaftliche Fächer handelt. Auch für die anderen
Fächer gibt es einen Lehrplan, der aber dem Lehrer die Wege dafür
öffnet, unterschiedliche Auffassungen zu diskutieren. Es ist unmöglich,
da den Islam auszuklammern, wird er nun von einem Muslim oder einem
Nicht-Muslim thematisiert. So, wie das Christentum in all seinen Facetten
und einschließlich seiner bisweilen unrühmlichen Vergangenheit
oder Gegenwart thematisiert werden muß, das Judentum, der Hinduismus,
der Buddhismus, der Atheismus usw. Was wollten wir denn zu einem Atheisten
sagen, der Geschichtsunterricht hält, und die Kreuzzüge behandeln
muß? Unsere Schulkinder sind in der Regel nicht so leicht zu beeinflussen.
Sie haben meist ihren eigenen Kopf und nehmen durch die Medien unterschiedliche
Auffassungen wahr. Diese Kinder lassen sich doch nicht durch ein Kopftuch
allein irritieren. Dass sie es mit einem Muslim, Christen oder Atheisten
zu tun haben, ist ihnen weithin auch dann bekannt, wenn dies nicht unmittelbar
an der Kleidung deutlich gemacht wird. Wozu also der Aufstand gegen
ein Stück Stoff? Wozu die Generalverdächtigungen gegen alle
Muslime? Wovor hat man wirklich Angst? Ich habe auf diese Fragen noch
keine vernünftige Antworten erhalten. Hingegen sehr wohl eine Antwort
auf die Frage, was mit einem Kopftuchverbot suggeriert und in Verbindung
gebracht wird: nämlich die Abwehr einer Religion, die von ihrer
moralischen Lehre her nicht übereinstimmt mit hiesigen Sitten und
Gebräuchen, die als "fremd" angesehen wird und Anstoß
erregt, da sie sich nicht vereinnahmen läßt. Ob die deutschen
Traditionen in jedem Falle auch gut sind, wird dabei nicht diskutiert.
Inwieweit man vom Islam lernen kann, selten in Erwägung gezogen.
Warum, zum Beispiel, beruft man sich in der gegenwärtigen Debatte
nicht auf so große deutsche Dichter wie Goethe, Rückert,
Lessing, Heine etc., die den Islam wertschätzten und hochhielten?
Was ist "Patriarchalisch-autoritär"?
Stattdessen wird dem Islam pauschal vorgeworfen, er sei "patriarchalisch-autoritär".
Wem alles aber, unter all den Nicht-Muslimen in unserem Lande, wäre
das auch vorzuwerfen? Und, näher darauf eingehend, was versteht
man eigentlich unter "patriarchalisch", was unter "autoritär"?
Warum diese Schlagworte anstelle einer differenzierten Sicht der tatsächlichen
Lehren des Islams? War Jesus autoritär, wenn er sagte: "Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn
durch mich"? Und wenn das, was er für seine Zeit für
sein Volk formulierte, durch den Propheten Mohammed, Segen und Frieden
Allahs seien auf ihm, für alle Gottgläubigen formuliert wird,
indem er auf Geheiß Gottes hin sagte: "Liebt ihr Allah, so
folget mir; (dann) wird Allah euch lieben und euch eure Fehler verzeihen"
(3:32), ist das dann autoritär oder die liebevolle Aufforderung
eines Menschen, den Gott auserwählte, allen Suchern nach Wahrheit
den Weg zu weisen?
Mit der Vorstellung, die islamische Identität sei patriarchalisch-autorität,
kommen wir nicht weiter, wenn wir nicht erläutert sehen, was mit
solchen Attributen gemeint ist. Kurzschlüssige Behauptungen vergiften
das Klima. Und: warum geht uns Deutschen denn nicht ein, was ein so
großer Deutscher wie Friedrich der Große gesagt hat? Er
verkündete: "Wenn denn die Türken in unserem Lande siedeln
wollten, so würden wir ihnen Moscheen bauen". Von solcher
Toleranz sind wir weit entfernt. Es würde mich freuen, wenn meine
Ausführungen dazu beitragen könnten, dass die Kopftuchdebatte,
die eigentlich eine Islam-Debatte ist, sachlicher, kompetenter und fairer
geführt würde.
Mit freundlichem Gruß