Über den Schleier
Das Wort "Pardah" bedeutet Vorhang und Schleier, steht
im Islam aber für das islamische Moralsystem, für eine bestimmte
Lebensweise.
Dieser Aufsatz soll sich vor allem mit dem Schleier beschäftigen,
der, da völlig mißverstanden bei Nicht-Muslimen, als das Symbol
für die angebliche Unterdrückung und Mißachtung der Frau
durch den Islam schlechthin gilt. Aber auch Muslime glauben häufig,
der Schleier sei kein "Muß", sei überholt, oder in
einer so freizügigen Gesellschaft wie der unseren ganz einfach überflüssig.
Dieser Aufsatz soll den Gegenbeweis antreten und aufzeigen, warum der
Schleier untrennbar mit dem Islam verbunden ist und für uns Ahmadi-Muslime
nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.
Das Wort "Islam" bedeutet "Ergebung in den Willen Gottes",
was heißt, daß der Gläubige seinen Frieden dadurch
findet, daß er seinem Schöpfer gehorsam ist und sich Ihm
unterordnet und unterwirft, selbst dann, wenn er den Sinn der Anweisungen
des Qur-âns nicht sofort versteht. Ein Muslim, ein gläubiger
Mensch, kennt den Willen seines Schöpfers aus dem Qur-ân,
der Sunna des Propheten Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf
ihm), den Hadith-Büchern, in denen die authentischen Worte des
Heiligen Propheten gesammelt sind, zudem, für unsere heutige Zeit,
aus den Schriften des Verheißenen Messias und Mahdis, Hazrat Mirza
Ghulam Ahmad und den Anweisungen seiner Kalifen.
Der Heilige Qur-ân beginnt die Sure AI-Baqara mit den folgenden
Worten:
"Ich bin Allah, der Allwissende. Dies ist ein vollkommenes
Buch; es ist kein Zweifel darin; eine Richtschnur für die Rechtschaffenen;
die da glauben an das Ungesehene und das Gebet verrichten und spenden
von dem, was wir ihnen gegeben haben; und die glauben an das, was wir
ihnen gegeben haben; und die glauben an das, was vor dir offenbart ward,
und fest auf das bauen, was kommen wird. Sie sind es, die der Führung
ihres Herren folgen, und sie werden Erfolg haben." (2:2-6)
Mit diesen Worten erklärt Allah Ta'ala Sein Gesetz, Seine Anweisungen
als verbindlich und endgültig. Wer sich Ihm anvertraut, ist rechtgeleitet.
Über Pardah schreibt der Heilige Qur-ân in der Sure 24 Vers
32 folgendes:
"Und sprich zu den gläubigen Frauen, daß sie ihre
Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen, und daß
sie ihre Reize nicht zur Schau tragen sollen, bis auf das, was davon
sichtbar sein muß, und daß sie ihre Tücher über
ihren Busen ziehen sollen und ihre Reize vor niemandem enthüllen
als vor ihren Gatten, oder ihren Vätern, oder den Vätern ihrer
Gatten, oder ihren Brüdern, oder den Söhnen ihrer Gatten,
oder ihren Brüdern, oder den Söhnen ihrer Brüder, oder
den Söhnen ihrer Schwestern, oder ihren Frauen, oder denen, die
ihre Rechte besitzen, oder solchen von ihren männlichen Dienern,
die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die von der Blöße
der Frauen nichts wissen. Und sie sollen ihre Füße nicht
zusammenschlagen, so daß bekannt wird, was sie von ihrem Zierat
verbergen. Und bekehrt euch zu Allah insgesamt, o ihr Gläubigen,
auf daß ihr erfolgreich seid."
Dies wird ergänzt durch den Vers 60 der Sure AI-Ahzab:
"O Prophet! Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern
und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Tücher tief
über sich ziehen. Das ist besser, da mit sie erkannt und nicht
belästigt werden. Und Allah ist allverzeihend, barmherzig.
Beide Verse enthalten klare Anweisungen über die Gründe für
Pardah und seine Ausführung. Über die Gründe wäre
zu sagen, daß sie sowohl spiritueller als auch moralischer Natur
sind. Wenden wir uns den spirituellen Gründen zu: Das Lebensziel
eines jeden Muslims muß sein, das Wohlgefallen Allahs zu erlangen
und sich ihm durch das Streben nach Vollkommenheit zu nähern; Ihm
so zu dienen. Wie sich Allah die gläubigen Frauen vorstellt, teilt
Er uns unter anderem in der Sure AI-Azhab Vers 36 mit:
"Wahrlich, die muslimischen Männer und die muslimischen
Frauen, die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen,
die gehorsamen Männer und die gehorsamen Frauen, die wahrhaftigen
Männer und die wahrhaftigen Frauen, die standhaften Männer
und die standhaften Frauen, die demütigen Männer und die demütigen
Frauen, die Männer, die Almosen geben und die Frauen, die Almosen
geben, die Männer, die fasten und die Frauen, die fasten, die Männer,
die ihre Keuschheit wahren und die Frauen, die ihre Keuschheit wahren,
die Männer, die Allahs häufig gedenken und die Frauen, die
Allahs häufig gedenken – Allah hat ihnen Vergebung und herrlichen
Lohn bereitet."
Wir fassen also zusammen: Sie sollen gottergeben, gläubig, gehorsam,
wahrhaftig, standhaft, Almosen gebend, demütig, keusch sein und
Allahs häufig gedenken. Vers 60 der Sure 33 fordert:
"Sie sollen ihre Tücher tief über sich ziehen …,
damit sie erkannt … werden."
Das heißt: Eine muslimische Frau soll Schleier tragen, damit sie
in der Öffentlichkeit als Muslima erkannt wird. Sie soll sich offen
zu ihrem Glauben bekennen und so Standhaftigkeit demonstrieren.
Durch den Schleier ist eine muslimische Frau im Westen natürlich
in der Öffentlichkeit vielerlei Unannehmlichkeiten und Demütigungen
ausgesetzt. Aber gerade dadurch wird der Schleier, speziell also in
unserer Gesellschaft, ein Mittel, uns Gott zu nähern.
Wir demonstrieren im Schleier, für alle Welt sichtbar,
unseren Glauben, denn im Gegensatz zu Schal oder Kopftuch kann er nicht
als modische Extravaganz mißverstanden werden. Wir üben mit
seiner Hilfe tagtäglich Standhaftigkeit, Gläubigkeit und Demut.
Eine verschleierte Frau hat Allah bewußt ihre Eitelkeit, ihren
Wunsch zu gefallen, von der Gesellschaft anerkannt zu werden (was auch
immer man darunter verstehen mag) und ihren Hochmut geopfert. Sie demonstriert
ihre Keuschheit, ihren Verzicht auf das leichte, prickelnde Spiel des
Flirts öffentlich.
Somit ist der Schleier auch ein öffentliches Bekenntnis
zur Familie.
Somit erinnert der Schleier die Trägerin aber auch ständig
daran, daß sie Muslima ist und erleichtert ihr somit die Übungen
des Dhikr, des ständigen Betens zu ihrem Schöpfer.
Der Schleier ist also ebenso ein Mittel, größere Nähe
zu Allah zu erlangen, wie das Verrichten freiwilliger Gebete oder das
Fasten an nicht vorgeschriebenen Tagen. Es ist ein bewußter Akt
der Unterwerfung und des Gehorsams. Die Frauen des Heiligen Propheten
und die des Verheißenen Messias trugen Schleier. Der Heilige Qur-ân
nennt sie in Sure 33:7 unsere "Mütter". Seiner Mutter
schuldet der Gläubige Respekt und Gehorsam. Eine Mutter prägt
durch ihr Vorbild, erzieht und leitet. Allah Ta'ala hat im Qur-ân
also für die Frauen des Propheten den Begriff "Mutter"
gewählt, um auf ihre Stellung als Vorbilder für das islamische
Frauenbild aufmerksam zu machen.
Pardah, das Tragen eines Schleiers, hat aber auch etwas mit
der Verantwortung des Einzelnen, in diesem Fall: der Frau in der Gesellschaft
zu tun.
Allah hat jedem Menschen Verantwortung zugeteilt; der Heilige
Prophet Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) belehrt uns
darüber wie folgt:
"Jeder von euch ist ein Hirte, und jeder von euch ist für
die anvertraute Herde verantwortlich. Der Imam, der die Leute leitet,
ist ein Hirte und verantwortlich für die ihm anvertraute Herde.
Der Mann ist ein Hirte für die Leute seines Haushalts und verantwortlich
für die ihm anvertraute Herde. Die Frau ist Hirtin des Hauses ihres
Gatten und seiner Kinder und für diese verantwortlich."
(Buchari)
Und des weiteren:
"Wenn eine Frau die fünf Gebete verrichtet, im Fastenmonat
fastet, ihre Scham hütet und ihrem Gatten folgt, mag sie in das
Paradies eintreten, durch welches Tor sie will." (Anas, Mischkat)
Somit ist die Frau für ihre Familie, deren Wohlergehen und die
Wahrung ihrer Keuschheit und in diesem Zusammenhang ihres guten Rufes
verantwortlich. Sie trägt aber, soweit ihr Leben das anderer Menschen
tangiert, auch Verantwortung für ihre Mitmenschen, soweit ihr Tun
und Lassen andere beeinflußt. Der Heilige Prophet Muhammad (Friede
und Segen Allahs seien auf ihm) hat uns darüber folgendermaßen
belehrt:
"Der Gläubige ist für den Gläubigen wie ein
Gebäude, dessen einer Teil den anderen stützt."
Dann verschränkte er seine Finger. (Buchari, Muslim)
Und:
"Wahrlich, Taten werden nach ihren Absichten gerichtet und
für jedermann gibt es eine Belohnung gemäß seiner Absicht."
(Buchari)
Und weiter:
"Bei Gott, Der mein Leben in Seiner Hand hält, keiner
von euch kann ein treuer, gläubiger Muslim sein, wenn er nicht
für seinen Bruder wünscht, was er für sich selber möchte."
(Buchari)
Womit ich zu den moralischen Gründen für das Schleiertragen
komme. Der Heilige Qur-ân lehrt uns, daß Allah Ta'ala die
Menschen in Paaren, also als etwas sich Ergänzendes, Zusammengehörendes
erschaffen hat und zwischen sie Liebe, zu der auch die sexuelle gehört,
gelegt hat. Allah erlaubt aber die sexuelle Liebe zwischen Mann und
Frau nur innerhalb der Ehe. Da Taten, wie wir aus obigem Hadith erfahren,
nach ihren Absichten beurteilt werden, ist bereits der Wunsch nach einer
fremden Frau verboten. Der Heilige Prophet lehrt Hazrat Ali:
"Ali, laß dem ersten Blick nicht einen zweiten Blick
folgen, denn der erste ist deiner, der zweite aber nicht, d.h. vom Schaitan."
(Abu Dawud)
Es liegt in der Natur der Sache, daß eine verschleierte Frau weniger
sexuelles Interesse erweckt als eine unverschleierte Frau. Eine Frau,
die sich verschleiert, übernimmt damit auch ein Stück moralische
und spirituelle Verantwortung für ihre männliche Umwelt, indem
sie diese daran hindert, vom rechten Weg abzukommen.
Der richtig angelegte Schleier signalisiert jedem Mann, daß
seine Trägerin ihr Leben Gott geweiht hat und an weltlichen Affairen
nicht interessiert ist.
Welche wichtige Bedeutung Allah Ta'ala dern Schleier innerhalb des
islamischen Moralsystems zukommen läßt, ist aus folgendem
Hadith zu ersehen:
"Asma Bint Abu Bakr (Hazrat Mohammads Schwägerin) kam
zu Allahs Gesandten, als sie durchsichtige Kleider trug. Da wandte Allahs
Gesandter von ihr ab und sagte: »Asma, wenn eine Frau die Pubertät
erreicht, schickt es sich nicht, daß irgendetwas von ihr zu sehen
ist außer diesem und diesem«; und er zeigte auf sein Gesicht
und seine Hände." (Abu Dawud)
Ich denke, es dürfte jedem einleuchten, daß das Pardah Fremden
gegenüber noch strenger sein muß als das vor dem Schwager.
Wie bindend auch die Vorschriften und die Lebensweise des Heiligen Propheten
sind, lehrt uns der Qur-ân mit folgenden Worten:
"Wahrlich, ihr habt an dem Propheten Allahs ein schönes
Vorbild für jeden, der auf Allah und den Letzten Tag hofft und
Allahs häufig gedenkt." (33:22)
Und:
"Und es ziemt sich nicht für einen gläubigen Mann
oder eine gläubige Frau, wenn Allah und Sein Gesandter eine Sache
entschieden haben, daß sie in ihrer Angelegenheit eine Wahl haben
sollten. Und wer Allah und seinem Gesandten nicht gehorcht, der geht
wahrlich irre in offenkundigem Irrtum." (33:37)
Und weiter:
"Und du besitzest ganz sicherlich hohe moralische Eigenschaften"
(68:5)
Der Verheißene Messias und Mahdi Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, dessen
Ankunft der Heilige Prophet Muhammad prophezeite, schreibt zu Pardah
in seinem Buch »Die Philosophie der Lehren des Islams«:
"Die göttliche Unterweisung ist daher nicht, daß
wir wohl auf fremde Frauen blicken, ihre Schönheit und ihren Schmuck
und ihr Gehen und Tanzen betrachten dürfen, solange wir es aus
reinem Herzen tun, oder daß es wohl erlaubt sei, ihre süßen
Gesänge oder die verführerischen Gesschichten über ihre
Schönheit anzuhören, vorausgesetzt, daß wir alles aus
reiner Absicht tun, sondern es ist ganz und gar nicht erlaubt, auf sie
zu blicken, noch ihren verführerischen Stimmen Gehör zu schenken,
mit oder ohne gute Absichten. Wir müssen uns von allem fernhalten,
was uns verführen könnte, genauso, wie wir uns des Aasessens
enthalten. Begehrliche Blicke können mit ziemlicher Sicherheit
früher oder später zu unserem Fall führen. Weil Gott
der Allmächtige wünscht, daß unsere Augen, Herzen, Gedanken
und Glieder fortgesetzt in einem Zustand der Reinheit bleiben sollten,
hat Er uns diese ausgezeichnete Lehre gegeben. Wer kann daran zweifeln,
daß ungezügelte Blicke eine Gefahr darstellen?"
Wir sehen, der Schleier als Bestandteil des islamischen Moralsystems
schützt die Reinheit seiner Trägerin und die des (un-)gewollten
Betrachters und dient somit dem Schutze der Familie. In der Bundesrepublik
Deutschland wird zur Zeit jede dritte Ehe geschieden – bei steigender
Tendenz. Diese Zahl enthält nicht die Dunkelziffer der getrennt
lebenden Ehepaare, die sich zum Beispiel aus finanziellen Gründen
anders arrangiert haben.
Da aber die Familie die kleinste Zelle, der Baustein der Gesellschaft,
ist, in der soziales Verhalten geübt wird, ist ein Volk, dessen
Familien zerstört sind, in ernsthafter Gefahr. Der Zusammenhang
zwischen den sich ständig lockernden Moralvorstellungen und den
ständig ansteigenden Scheidungsziffern ist wohl nicht zu leugnen.
Vers 5 und 6 der Sure AI-Baqarah lauten:
"Und die glauben an das, was dir offenbart worden, und an
das, was vor dir offenbar ward, und fest auf das bauen, was kommen wird.
Sie sind es, die der Führung ihres Herrn folgen, und sie werden
Erfolg haben."
Auf Pardah bezogen bedeutet das: Das Volk, das gläubig und moralisch
einwandfrei lebt, und somit seine Familien schützt, wird erfolgreich
und gesegnet sein..
An das Ende dieses Aufsatzes möchte ich zwei Aussprüche des
Heiligen Propheten des Islams, Mohammad Mustafa, Friede und Segen Allahs
seien auf ihm, dem »Khatam-nabiyyen«, d.h. dem Siegel des
Prophetentums, stellen:
"Allah spricht: Nichts, wodurch sich mein Diener Mir nähert,
ist mir lieber, als was Ich ihm als Pflicht auferlegte. Doch Mein Diener
hört nicht auf, sich Mir durch freiwilliges Tun zu nähern,
bis Ich ihn dafür liebe; dann bin Ich sein Ohr, mit dem er hört,
und sein Auge, mit dem er sieht, seine Hand, mit der er etwas ergreift,
und sein Fuß, mit dem er geht." (Buchari)
(Dies ist ein sog. Hadith-Qudsi, d.h. eine Offenbarung, die Allah dem
Heiligen Propheten Muhammad (Frieden und Segen Allah seien auf ihm)
gewährte, die Gott indes nicht als dem Gesetzbuch des Qur-âns
zugehörig bezeichnete).
Und weiter:
"Ein Teil meiner Gemeinschaft wird nicht aufhören, für
die Wahrheit zu kämpfen, und sie werden den Sieg über ihre
Gegner davontragen." (Abu Dawud, Mischkat).
Rabia Yalniz