Heike ist Islamkonvertitin und 34 Jahre alt. Sie ist verheiratet,
hat drei Kinder und vor 15 Jahren zum Islam übergetreten. Seitdem
trägt sie auch ein Kopftuch, allerdings ganz schlampig gebunden,
nach deutscher Art mit einfach unten einem Knoten drin. Damit sieht
sie, wie ihr atheistischer Vater einmal zähneknirschend bemerkte,
nicht unbedingt auf den ersten Blick aus wie eine Muslima, sondern eher
wie eine "normale deutsche Bäuerin bei der Heuernte".
Vielleicht kommt es daher, dass nicht jeder sofort auf die Idee kommt,
sie müsse Muslima sein.
Silke ist 38, auch Mutter von drei Kindern. Ihre Tochter Fridde ist
die beste Freundin von Heikes Tochter Malika. Die beiden gehen zusammen
in den Kindergarten. Silke und Heike verstehen sich gut, hatten aber
bisher noch nicht die Gelegenheit, sich richtig kennen zu lernen. Auf
dem Laternenumzug ergibt sich dazu die Gelegenheit und ein Gespräch
entwickelt sich.
Silke: „Sag mal, weshalb trägst du eigentlich
immer ein Kopftuch? Das wollte ich dich schon länger mal fragen....“
Heike: „Ich bin zum Islam übergetreten
– deshalb.“
Silke: „Ehrlich?? Ach.... Und ich hatte schon
gedacht, du hättest vielleicht ne Glatze... dass du womöglich
ne Chemotherapie gemacht hättest, oder ne Gehirnoperation. Weiß
man’s? Ich mochte dich erst gar nicht fragen...“
Heike (lacht): „Ja, man kann sich irren. Neulich
habe ich eine Frau mit Kopftuch angesprochen, die hatte es auf, weil
sie sich die Dreadlocks abgeschnitten hatte. Schade dass sie nicht Muslima
war.... die sah ziemlich nett und witzig aus.“
Silke: „Na, nett kann sie ja trotzdem sein (lacht).
Zum Islam konvertiert.... das ist ja ein Ding....! Aber dein Mann kommt
doch gar nicht aus der Türkei oder so?!“
Heike: „Nein, aus Peru. Ich habe ihn vor der
Heirat zwangskonvertiert... (lacht) Naja, natürlich nicht, ich
sag das nur immer, um ihn zu ärgern.“
Silke: “Ja, aber wie kommst du denn sonst dazu?“
Heike: “Es soll Leute geben – übrigens
der Großteil Frauen! – die machen das aus ganz eigenem Antrieb.
Eine davon bin ich. Weißt du, es gibt hundertundein Vorurteil
über den Islam. Wenn man aus irgendeinem Grund anfängt, sich
damit zu beschäftigen, dann muss man so einiges überdenken.
Man muss buchstäblich bei Adam und Eva anfangen, um ein vorurteilsfreies
Islamverständnis aufzubauen. Oder wusstest du z.B., dass Eva im
Islam nicht die Verführerin Adams war? Damit fängts schon
mal an....“
Silke: „Nein. (überlegt eine Weile) Das
ist ja interessant. Ich mein’.... diese These ist ja die Grundlage
für die Frauenfeindlichkeit in der christlichen Theologie über
lange Jahrhunderte.... Und im Islam ist das nicht so?“
Heike: „Mitnichten. Überhaupt entstehen
viele Missverständnisse dem Islam gegenüber dadurch, dass
wir christliche Maßstäbe, christliche Vorstellungen auf den
Islam übertragen.“
Silke (aufgebracht): „Na hör mal... guck
dir doch mal bitte an, was in Afghanistan abgegangen ist, oder in Saudi
Arabien oder in Nigeria, oder wo das mit der Steinigung gewesen ist!
Wie kannst du da von Missverständnissen sprechen und sagen, alle
Frauenfeindlichkeit käme in Wirklichkeit aus dem Christentum?“
Heike: „Zugegeben – die Muslime heute
tun natürlich alles, um ein denkbar schlechtes Bild von ihrer Religion
abzugeben. Aber das hat wirklich nichts mit dem Islam als Lehre zu tun!
Überleg erst mal, in welchem Jahrhundert sich der Islam befindet.
Auf christliche Verhältnisse übertragen, im ausgehenden Mittelalter.
Das war hierzulande auch eine Zeit der völligen intellektuellen
Dunkelheit. Es gab Judenverfolgungen, den wildesten Aberglauben, Hexenverbrennungen
im Namen der Religion. Weil es eine Zeit der Desorientierung war. Genauso
ist es vielleicht momentan in der islamischen Welt. Aber das hat nichts
mit der Lehre Mohammeds zu tun. Es gibt sehr viele Überlieferungen,
denen zufolge der wahre Islam bald nach seinem Tod völlig in Vergessenheit
geraten wird.“
Silke: “Ehrlich? Also du meinst, alles, was
wir heute so sehen, an Frauenunterdrückung, ist überhaupt
nicht auf den Islam zurückzuführen? Zwangsverschleierung z.B....“
Heike: „Dazu nur ein Koranzitat: 'Es soll kein
Zwang sein im Glauben!' Sure 2, Vers 257, glaub ich.“
Silke: „Und warum trägst du dann ein Tuch?
Etwa nicht, weil man dich in einer islamischen Gesellschaft sonst bestrafen
würde?“
Heike: „Natürlich nicht. Was stellst du
dir bloß unter einer 'islamischen Gesellschaft' vor? Die Leute
denken immer, je radikaler und fanatischer, desto islamischer muss ein
Land sein. Manche denken auch, Saudi Arabien wäre heute noch der
Inbegriff eines islamischen Landes.“
Silke: „Auch dein Mann würde dich sonst
nicht irgendwie bestrafen?“
Heike (lacht): „Ausgerechnet! Er gehört
zu der wohl ziemlich großen Zahl der muslimischen Männer,
die es eher peinlich finden, mit so einer 'vermummten' Frau auf der
Straße zu laufen.“
Silke: „Ach komm.... irgendwie glaub ich dir
das alles nicht so ganz. Ich mein’... in deinem Fall stimmt es
vielleicht, dann bist du eine Ausnahme. Ich glaube einfach, dass die
Mehrheit der kopftuchtragenden Musliminnen das irgendwie schon aus Angst
macht. Entweder ihr Vater macht Druck oder ihr Mann, oder Gott.... Irgendwas
in ihrer Vorstellung Männliches jedenfalls....“
Heike: „Ha! Schon wieder so eine auf den Islam
übertragene christliche Vorstellung! Wie kommst du auf die Idee,
Muslime würden sich unter Gott etwas Männliches vorstellen?“
Silke: „Na, davon geh ich mal aus. Wenn ich
mir die patriarchalischen Verhältnisse so angucke, in diesen Ländern....“
Heike: „Ich habe doch schon gesagt, dass du
nicht von den Verhältnissen in sogenannten 'islamischen' Ländern
auf die islamische Lehre schließen kannst! Allah ist im Islam
definitiv jenseits von Geschlechtlichkeit, und von den über 100
Eigenschaften Allahs im Koran sind sehr viele eindeutig eher weiblich
als männlich. Und die hervorstechendste Eigenschaft Allahs im Umgang
mit der Schöpfung, also uns, ist die der Barmherzigkeit. Wusstest
du, dass von demselben arabischen Wortstamm das Wort 'Gebärmutter'
abgeleitet ist??“
Silke: „Nee.... (schweigt, sichtlich verwirrt
und nachdenklich)“
Heike: „Und was die Angst vor Allah wegen des
Tuchtragens angeht... Also, bei mir ist das nicht der Grund. Mein Verhältnis
zu Allah ist nicht so... Also, ich befolge die Gebote eher, wie ich
den Ratschlag einer Person befolgen würde, der ich bedingungslos
vertraue und die ich für manche Bereiche einfach für kompetent
halte. Meine Mutter zum Beispiel.“
Silke: „Und warum meinst du, dass Allah dir
so etwas raten könnte? Fühlst du dich nicht irgendwie... diskriminiert
dadurch? Irgendwie ist das Tuch doch ein Symbol der... ich weiß
nicht.... irgendwie wird die Frau doch dadurch zum Objekt gemacht. Zum
verhinderten Sexobjekt sozusagen. Männer verhüllen ihre Frau,
so wie sie ihren Tresor abschließen oder so... so empfinde ich
das.“
Heike: „DU empfindest das so? Bist du da sicher?
Ich meine, dass du diese Ansichten nicht aus den Medien übernommen
hast, ohne dir deine eigene Meinung gebildet zu haben? Also –
mag sein. Sicher gibt es viele Verhältnisse, wo das zutreffen mag.
Aber woher willst du wissen, dass es wirklich meistens so ist? Immer
diese Vorstellung von den paschahaften Vätern und Männern...
ich zweifle da ein bisschen dran.“
Silke: „Wie bitte? Guck dir doch mal die Türken
an.... die Väter.... Das sind doch meist die totalen Patriarchen!“
Heike: „Wann? Wo? In der Öffentlichkeit!
Das will nicht viel heißen. Weißt du, ich hab mal an soner
Gesprächsrunde teilgenommen. Da waren vier junge Türkinnen,
und weißt du, was die einstimmig behauptet haben? Und zwar unabhängig
voneinander – also, die waren alle aus unterschiedlichen Familien?
– Dass die Frau bei den Türken zu Hause 'die Hosen anhat'!
Ich konnte das auch kaum glauben.
(überlegt eine Weile)
Also, was jedenfalls diesen angeblichen Tuchzwang angeht.... ich wär
mir da echt nicht sicher, ob das, wenn das wirklich so verbreitet ist,
wie immer behauptet wird, nicht eher von den Müttern ausgeht. Ehrlich.“
Silke: „Also, ich weiß ja nicht... Warum
sollten Frauen einen Zwang auf andere Frauen ausüben, sich selbst
zu demütigen?“
Heike: „Keine Ahnung, vielleicht aus Masochismus.
Ich mein’.... viele Frauen sind masochistisch, überall auf
der Welt. Schlimm genug. Allerdings: Bei einem muss ich dir widersprechen.
Selbst wenn dieser Zwang ausgeübt wird – du kannst nicht
davon ausgehen, dass das Tuch eine freiwillige Demütigung ist.
Wie kommst du überhaupt auf die Idee, das Tuch sein ein Zeichen
der weiblichen Minderwertigkeit oder Unterwerfung oder so?“
Silke: „Irgendwie gehe ich davon aus. Okay,
ich habe es oft gelesen, aber ich glaube auch nicht, dass das alles
erstunken und erlogen ist. Das Tuch ist doch eine Form der.... wie soll
ich sagen?.... der Verdrängung der Weiblichkeit aus dem öffentlichen
Leben. Weibliche Reize sind eine Gefahr, und die wird gewaltsam gebannt.
Jedenfalls dort, wo Schleierzwang herrscht. Das kannst du doch wohl
nicht leugnen. Die Männer fühlen sich durch die Weiblichkeit
bedroht und wollen sie irgendwie klein kriegen“
Heike: „Hm... (überlegt eine Weile) Also,
ich bin hin- und hergerissen. Ich muss einerseits zugeben, dass es heute
wohl in einigen islamischen Gesellschaften tatsächlich so ist,
wie du sagst. Allerdings ist es doch auffällig, dass immer nur
von diesen superrepressiven Gesellschaften berichtet wird, oder nicht?
Das wird doch von den Medien geschürt, dieses Vorurteil. Die Leute
wollen ein Schwarz-Weiß-Bild. Sie wollen sich dem Islam überlegen
fühlen, und dementsprechend einseitig fällt auch das Bild
in den Medien aus. Einerseits verkaufen sich solche Skandalgeschichten
von unterdrückten Frauen im Iran oder in arabischen Harems besser.
Und andererseits sind auch Reporter, Journalisten und Autoren selbst
meist davon überzeugt, dass der Islam rückständig und
barbarisch ist.
Also, mag sein, dass das, was du sagst, zum Teil stimmt. Aber ich bestehe
andererseits darauf, dass man wirklich zwischen islamischer Lehre und
vermeintlich islamischer Praxis heute unterscheiden müssen!“
Silke: „Aber das Verhüllungsgebot stammt
ja nun mal aus dem Koran, oder nicht?“
Heike: „Richtig. Aber nicht, wie in der Bibel,
mit der Begründung, das Tuch solle ein Zeichen dafür sein,
dass der Mann die Herrlichkeit Gottes, die Frau dagegen nur die 'Würde
des Mannes' widerspiegele! Lies mal den ersten Korintherbrief, Vers
11. Da wird explizit die Kopfverhüllung gefordert, und zwar aus
eben diesem Grund. Und das versucht man nun dem Islam anzuhängen
– mal wieder!“
Silke: „Ach, echt? Das wusste ich nicht. Aber
im Koran ist doch auch die Kopfbedeckung gefordert – wenn auch
meinetwegen nur als ein Teil der gesamten Bedeckung und nicht mit dieser
Begründung. Oder wie ist das?“
Heike: „Genau so. Die Kopfbedeckung ist nur
ein Teil der gesamten körperbedeckenden Kleidung.“
Silke: „Okay, da muss ich zugeben, da hast du
mich schon überzeugt. Dass das Kopftuch nur in der Bibel explizit
gefordert ist, und zwar konkret als Zeichen der Zweitrangigkeit ist
schon ein dicker Hund. Peinlich, dass man sich als Christ so was von
Muslimen erklären lassen muss... Aber trotzdem, auch dieses 'Reizverhüllungsgebot'
im Koran. Das macht mich aggressiv. Das ist steht doch so drin, mit
den Reizen, nicht? Das ist doch mal wieder alles total aus männlicher
Perspektive!“
Heike: „Ja, in 24: 32. Aber es gibt noch einen
Vers, in 33:60. Dort heißt es, die Frauen sollen ihre Tücher
'tief über sich ziehen' und weiter: 'das ist besser, damit sie
erkannt und nicht belästigt werden. Und Allah ist allverzeihend,
barmherzig' Besonders diesen letzten Zusatz finde ich sehr interessant....
(grinst) Also, hier ist das doch eher aus Sicht der Frau beschrieben,
oder nicht?“
Silke: „Hm, ja, mag sein.... (zögert)“
Heike: „Und denk doch auch mal, dass so eine
bedeckende Kleidung nicht nur Reize verhüllt, sondern auch körperliche
Mängel. Ich sehe es einfach so, dass sie verhindert, dass eine
Frau nach Äußerlichkeiten bewertet wird“
Silke: “Tja, kann sein, dass du das so empfindest...
Wenn eine Frau eher mit der Vorstellung aufgewachsen ist, dass Frauen
Sexualobjekte sind.... also mit der Ausbeutung der Frau in die andere
Richtung, sozusagen. Dann kann es vielleicht eine Art Befreiung sein,
sich zu verhüllen. Aber im Iran ist es trotzdem eine Befreiung,
sich zu enthüllen – oder siehst du das anders?“
Heike: „Nein. Wenn der Islam so pervertiert
wird, wie es heute der Fall ist, hast du natürlich recht. Wenn
man zur Verhüllung gezwungen wird, ist es kaum möglich, das
Frauenbefreiende darin zu entdecken...“
Silke: „Trotzdem, ich versteh nicht, warum die
Frau Einschnitte in ihre Freiheit auf sich nehmen soll. Die Frau ist
es, die nicht schwimmen gehen kann, die im Sommer langärmelige
Sachen tragen muss etc. Warum muss nicht der Mann sich verhüllen?
Was tut der Mann, um seine vermeintlich unbändigen Triebe zu zügeln?
Er stolziert in der Öffentlichkeit herum, glotzt weniger bedeckten
Frauen nach, trinkt seinen Tee, amüsiert sich. Die Frau ist derweil
zu Hause und kocht. Geht sie an die Öffentlichkeit, muss sie sich
verhüllen, darf möglichst keine Aufmerksamkeit erregen und
schnell wieder hinter verschlossenen Türen verschwinden. Läuft
es nicht darauf hinaus?? Darf sie überhaupt ihr Haus ohne Erlaubnis
verlassen, nach islamischer Lehre? Das ist doch der Inbegriff der Diskriminierung,
da gibt es für mich nichts zu deuteln.“
Heike: “Nun mal langsam. Zu Zeiten des Frühislams
war das alles ganz anders!“
Silke: „Ach ja? Wie denn? Waren die Frauen damals
nicht verschleiert? Und gibt es nicht so eine 'Kamelfatwa'– hab
ich gerade erst gelesen – dass eine Frau nicht weiter als 81 km
alleine ihr Haus verlassen darf?“
Heike: „Die Frauen waren sehr selbstbewusst
und haben sich nicht nur sozial und politisch engagiert, sondern zum
Teil sogar in Schlachten gekämpft! Also, ich denke, das Problem
besteht darin, dass wir Gebote, die wie gesagt, niemals als Zwang gemeint
waren, und unter ganz anderen Bedingungen verkündet wurden, blind
auf die heutige Zeit übertragen und auch noch per Zwang durchsetzen
wollen. ... Also, ich meine, die fanatischen Muslime von heute.
Z.B. die Vollverschleierung – überleg doch mal. Damals waren
wilde Zeiten, es herrschte Krieg. Wahrscheinlich war es unter damaligen
Verhältnissen wirklich lebensgefährlich, sich nicht komplett
zu verhüllen. Genauso wie alleine zu reisen. Hier und heute sieht
manches vielleicht anders aus. Was nicht heißen soll, dass das
ganze Bedeckungsgebot hinfällig sei... aber zum Beispiel das Reisen.
Natürlich kann eine Frau heute gefahrlos reisen, um den halben
Planeten, nämlich im Flugzeug. Man muss halt immer ein bisschen
mitdenken....“
Silke: „Na, das tröstet mich ja, dass du
dieser Ansicht bist. Trotzdem versteh ich nicht, warum Frauen sich einschränken
sollen und Männer nicht. Ich finde das diskriminierend, und dabei
bleibe ich.“
Heike: „Tja. Weißt du.... Also, erst mal
musst du dir vorstellen, dass es im Islam ja einfach zwei Sphären
geben sollte. Also in den Bereichen, wo Frauen und Männer nicht
gemischt sein können, z.B. im Schwimmbad oder Restaurants oder
so, gibt es dann Frauenbereiche ebenso wie Männerbereiche. Es ist
ja nicht so, dass Frauen aus der Öffentlichkeit verbannt werden
sollen!“
Silke: „Aber was die Kleidung angeht –
da ist die Frau doch eindeutig benachteiligt, oder nicht?“
Heike: „Tja, Männer lassen sich nun mal
visuell eher stimulieren als Frauen. Das ist ne Tatsache, der man Rechnung
tragen muss. Da kann man sich auf den Kopf stellen. Kennst du 'das Leben
des Brian'? Den Film? Da muss ich immer dran denken.... In einer Szene
fordert ein Mann wütend das Recht, Kinder zu kriegen. Seine Freunde
beruhigen ihn, indem sie ihm versichern, er hätte das Recht. Zwar
kann er’s weiterhin nicht, weil es den biologischen Tatsachen
widerspricht, aber das Recht dazu hat er. Und damit gibt er sich dann
zufrieden. Voll blöd und ziemlich komisch. So ähnlich ist
es mit manchen Forderungen der Feministinnen, finde ich. Ich meine –
alle Frauen haben theoretisch das Recht, selbst im Minirock herumzulaufen,
ohne belästigt zu werden. Die Tatsache, dass es in der Realität
nicht hinhaut, irritiert sie nicht. Weißt du, bei mir ist der
Groschen bezüglich des Sinnes der verhüllenden Kleidung damals
in Spanien gefallen. Ich als exotische Ausländerin wurde auf Schritt
und Tritt belästigt, aber frag nicht, wie. Das hat mich einfach
fertig gemacht. Und als ich einmal alleine eine Landstraße langgegangen
bin, bin ich um ein Haar vergewaltigt worden. Das sind Tatsachen, die
feministische Theorie ist eine andere.“
Silke: „Aber musst du deshalb sozusagen den
Rückzug antreten, indem du dich versteckst? So lernen diese Männer
ihre Lektion nie. Wenn du nun stattdessen Karate lernen würdest?“
Heike: „Ach komm! Ich bin zufällig 1 Meter
60 groß und wiege knapp über 50. Meinst du ernsthaft, das
würde mir was nützen? Und wenn man erst mal Mutter ist –
dann ist man noch hundertmal angreifbarer und verletzlicher als ohne
Kinder! Selbst wenn jemand in Frage stellt, dass Frauen in der Regel
verletzlicher sind als Männer, zumal es ja Ausnahmen geben mag
– spätestens, wenn man ein Kind hat, und dafür Verantwortung
hat, ist man unendlich viel schwächer als ein Mann ohne Kind. Eine
Mutter kann nicht nur selbst auf verschiedenste Art geschädigt
werden, sondern auch ihr Kind kann geschädigt werden. Stell dir
meinetwegen – Gott bewahre – vor, ein Kind muss mit ansehen,
wie seine Mutter belästigt oder sogar vergewaltigt wird. Damit
ist die Mutter doch zehnmal so bestraft als alleine. Und Frauen sind
nun mal in den meisten Fällen irgendwann Mütter... Der Islam
orientiert sich an Realitäten!“
Silke: „Ja, das ist ein Gesichtspunkt. Da hast
du recht.... Deshalb müssen eben die Väter auch mehr Verantwortung
übernehmen. Und die Männer sollen sich beherrschen lernen!
Ist es nicht so, dass die Männer bei uns schon Fortschritte gemacht
haben? Bei uns werden Frauen nicht belästigt, nur weil sie Miniröcke
anhaben!“
Heike: „Tja, zum Teil magst du Recht haben.
Es gibt schon wirkliche Fortschritte bei uns, besonders unter den gebildeten
Männern. Das ist ja auch gut so! Und schließlich hat ja auch
im Islam der Mann Verantwortung, dass die Gesellschaft nicht moralisch
verkommt. Im Koran heißt es ja auch zuerst, die Männer sollten
ihre Blicke kontrollieren, erst anschließend kommt die Aufforderung
an Frauen, sich zu bedecken.
Aber andererseits – glaubst du nicht, dass die Männer hier
zum Teil einfach überreizt sind, und allein deshalb keine Lust
mehr haben, hinter Frauen herzugucken?? Das will der Islam auch vermeiden.
Sexuelle Anziehung zwischen den Geschlechtern ist ja nicht an sich etwas
Negatives. Im Gegenteil, Sexualität ist im Islam etwas sehr Positives
– auch im Gegensatz zum Christentum, jedenfalls zu Paulus...“
Silke: „Aber warum setzt man den Schwerpunkt
so sehr auf die Verhüllung der Frau, statt die Männer zu zähmen?“
Heike: „Ja, da hast du Recht!! Das wird oft
vernachlässigt, von den Muslimen! Und das ist bestimmt nicht die
Schuld der islamischen Lehre.“
Silke: „ Ich finde, Männer sollten lernen,
Verantwortung zu übernehmen, als Väter und Ehemänner.
Sie sollten lernen, Frauen zu respektieren. Frauen als gleichberechtigte
Partnerinnen anzusehen, und ihre Ansichten nicht gewaltsam durchzusetzen...!“
Heike: „Ja, schöne Theorie... Da würde
dir der Prophet Mohammed auch sicher zugestimmt haben. De facto ist
es aber weltweit weiterhin so, dass die Mehrheit der vergewaltigten,
misshandelten, unterdrückten, mit Kindern sitzen gelassenen Menschen
weiblichen Geschlechts ist. Und dass auch zum Beispiel weibliche Kugelstoßerinnen
nicht mit männlichen konkurrieren, weil Männer meist körperlich
stärker sind. Deshalb geht der Islam nicht davon aus, dass Männer
und Frauen grundsätzlich GLEICH seien. Das hat aber nichts mit
Zweitrangigkeit zu tun – und das ist mir im Islam sehr wichtig.
Sie sind einfach unterschiedlich. Wenn Männer stärker sind,
sind sie dafür vielleicht andererseits weniger sensibel. Alles
hat zwei Seiten. Stark ist ja nicht automatisch auch 'gut'. Männer
und Frauen sind gleichWERTIG, aber nicht gleich – im Sinne von
‚identisch’. Im Islam werden Männer und Frauen mit
unterschiedlichen Meßlatten gemessen. Sie sind unterschiedlich,
Punktum. Nicht besser oder schlechter. Ich finde, christliche Feministinnen
machen immer den Fehler, sich mit Männern zu vergleichen. Im Prinzip
– auch wenn sie es nicht zugeben – wollen sie doch so sein
wie sie. Stark, dominant, aggressiv, sie streben in Männerberufe...
Das ist nicht das, was ich unter echter Emanzipation verstehe.“
Silke: (lacht) „Nicht? Was denn? Wie sieht denn
eine 'islamische Emanzipation' deiner Meinung nach aus?“
Heike: „Emanzipation bedeutet, ein echtes Selbstwertgefühl
aufzubauen, und nicht bestimmte Anteile in der eigenen Persönlichkeit
zu unterdrücken, nur weil sie ‚weiblich’ sein könnten.
Emanzipation bedeutet für mich als Muslima, wirklich so zu sein
und mich wirklich so zu entfalten, wie ich selbst möchte. Mich
von niemandem fremdbestimmen zu lassen – weder von irgendwelchen
Theologen noch von Feministinnen.“
Silke: „Klingt gar nicht so schlecht. Und du
bist sicher, dass dir dabei ausgerechnet der Islam helfen kann?“
Heike: „Ganz sicher!“
Silke: „Na, wenn du meinst... Vielleicht hast
du Recht, und ich muss so einige Vorurteile, die ich dem Islam gegenüber
habe, mal überdenken... Du hast mich jedenfalls zum Nachdenken
gebracht“
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