Die unterschwellige Angst vor einem neuen Islambild

In einigen Bundesländern ist geplant, islamische Kopftücher aus Lehrerzimmern zu verbannen. Interessant ist dabei, daß die islamische Kopfbedeckungpauschal als Symbol eines fanatischen, grundgesetzunkompatiblen Islam betrachtet wird. Wenngleich einige Politiker bereits zu der Erkenntnis gekommen sind, dass hinter dem Tuch höchst unterschiedliche Motivationen und Einstellungen stehen können, und für einige Frauen das Tuch kein Zeichen der Unterwerfung, sondern ein Symbol ihrer Emanzipation als Frau ist, wird doch auf Pauschalisierung und Schürung von unterschwelligen Ängsten gesetzt.

Nicht ganz zu unrecht haben viele Eltern Angst, daß ihre Schüler von islamischen Fanatikern heimlich indoktriniert werden könnten. Allerdings:

Besteht nicht schon immer die Gefahr heimlicher Indoktrination durch Lehrkräfte?

Durch Links- oder Rechtsradikale, Sektenanhänger und Fanatiker jeder Coleur? Und warum wird gerade eine Muslima mit Tuch, die ihre Religionszugehörigkeit öffentlich kundtut, für besonders gefährlich gehalten? Schließlich wäre sie sich der Tatsache bewusst, dass gerade sie unter strengster Beobachtung steht. Die Attentäter vom 11. September waren Männer, die zum Teil demonstrativ unislamisch auftraten, und gerade das machte sie so gefährlich. Eine weit größere Gefahr dürfte demzufolge also von solchen islamischen Fanatikern ausgehen, die ihre wahren Ansichten nicht weithin sichtbar auf dem Kopf tragen, sondern "under cover" arbeiten.

Für wie dumm werden militante Fanatiker gehalten, dass befürchtet wird, sie könnten die allseits befürchtete Unterwanderung des christlichen Abendlandes ausgerechnet durch tuchtragende Lehrerinnen vorantreiben,

die, so sie überhaupt zum Schuldienst zugelassen werden, täglich aufs Neue unter den Augen von Direktoren, Kollegen und ca. 30 Elternpaaren unter Beweis stellen müssten, daß sie verfassungstreu sind?

Das Kopftuch einer muslimischen Lehrerin pauschal als "islamistisches Symbol" und "Zeichen der Unterwerfung" zu betrachten, ist eine Argumentation, die hinten und vorne unstimmig ist. Denn wer weiß, aus welchen Gründen ein Tuch getragen wird? Sicher gibt es Fanatikerinen und Islamistinnen, die - vielleicht aus Berechnung - gerade kein Tuch tragen. Und es gibt gläubige Musliminnen, die ihr Tuch vielleicht gar nicht als religiöses Gebot betrachten, sondern es aus traditionellen oder anderen Gründen tragen.

Und was geschähe mit Musliminnen, die ihren Kopf auf "islamuntypische" Weise verhüllen, etwa mit einem großen Hut oder einer bunten gestrickten Ballonmütze?

Wären auch dies "islamistische Symbole"? Oder nur, wenn die Religionszugehörigkeit der muslimischen Lehrerin fest steht? Was, wenn sich eine Lehrerin zu dieser Frage nicht äußern möchte? Werden Nachforschungen angestellt werden, und wird sie, sobald sie ihr islamisches Bekenntnis nicht mehr verbergen kann, vom Schuldienst suspendiert, unabhängig von der Qualität ihres Unterrichts? Ein Fall einer Muslimin, die ihr Tuch dezent nach hinten gebunden hatte, ist bereits aufgetreten. Sie wurde entlassen. Der Vorwurf lautete, ihr Religionsbekenntnis durch die unauffällige Bindeweise gezielt zu verheimlichen und sich so besonders hinterhältig zu verhalten. Was aber, so fragen wir, ist mit den Musliminnen, die überhaupt kein Tuch tragen? Unterwandern sie nicht womöglich das Schulleben auf besonders perfide Weise? Denn gerade solche Muslime, die Gebote nicht einhalten, haben oft ein sehr fanatisches Islamverständnis. Sie beachten die Gebote nur deshalb nicht, weil sie der Ansicht sind, man müsse den Islam "entweder ganz oder gar nicht" praktizieren, und zwar von heute auf morgen.

Und was geschieht, wenn eine Christin, etwa eine Aussiedlerin, sich auf "christliche Traditionen" oder die Bibel beruft und ihr Kopftuch nicht ablegen möchte? Und was wird demnächst mit Vollbärten geschehen? Werden diese verboten
werden, wenn die Träger Muslime sind? Wie wird mit jüdischen Kippas verfahren werden? Oder gilt nur der Islam per se als "verfassungsfeindlich"? Betrifft die Debatte um die "verfassungsfeindlichen Symbole" in der Schule nur Frauen?

Ausgerechnet mit dem Vorwand, das islamische Kopftuch sei ein Zeichen der Frauenunterdrückung wird also gerade selbstbewussten Musliminnen die Berufsausübung untersagt - welch bestechende Logik!

Oder ist es nicht vielleicht vielmehr so, daß Kinder vor einem islamischen Frauenbild bewahrt werden sollen, das mit den üblichen Klischees bewahrt werden sollen? Vielleicht ist es in Wirklichkeit gar nicht der fanatische, militante Islam, mit dessen Lehren Kinder nicht bekannt gemacht werden sollen?

Vielleicht ist der wirklich bedrohliche vielmehr ein Islam, der - im Gegenteil - beunruhigend moderne und akzeptable Islam,

in dem Frauen Präsenz zeigen und ihr Tuch keineswegs als Zeichen ihrer Minderwertigkeit, sondern als Ausdruck ihrer weiblichen Selbstachtung tragen? Möglicherweise wäre eine tuchtragende Muslima besonders engagiert, sympathisch und selbstbewusst, und gerade dies ist das wahre Schreckensbild nichtmuslimischer Eltern, die ihren Kindern zum großen Teil selbst kein Vorbild und keine Orientierungshilfe sein können.

Viele unbewusste Ängste spielen hier mit hinein, und die größten sind vermutlich gerade diejenigen, die nicht laut geäußert werden. Für Siegmund Freud wäre dieses Thema das gefundene Fressen gewesen....